Wundertüte NFC North

Quelle: outkickthecoverage.com

Vor dem Start der 100. Saison standen für viele Betrachter der NFL die Zeichen auf Playoffs für die Chicago Bears. Nicht zuletzt da man als amtierender Divisionsieger in die Spielzeit ging, sondern auch weil die Konkurrenz zum Teil viele Baustellen zu beheben hatte. Zum 13. Spieltag zeichnet die Tabelle ein anderes Bild und bestätigt damit wieder einmal, welch Wundertüte die stark besetzte NFC North doch ist:

Das beste Edgerush-Duo der NFL heißt wie eine Indierock-Band aus den 80ern und spielt in unserer Division – kommt aber nicht aus Chicago. Ein Quarterback der NFC North wird – janikBears‘ Skepsis zum Trotz – zum erweiterten Kreis der MVP-Kandidaten gezählt – kommt aber nicht aus Chicago. Aber werden wir konkreter: Was machen die Rivalen aus dem (hohen) Norden? Eine Bestandsaufnahme.

Um den Divisiontitel kämpfen – Kopf an Kopf – mit demselben Record (8-3) die Green Bay Packers und die Minnesota Vikings. Beide müssen diesen Spieltag noch ran. Danach folgen in gehörigem Abstand die Chicago Bears (6-6) vor dem von Vielen tatsächlich prognostizierten Schlusslicht, den Detroit Lions (3-8-1). Die beiden eröffneten den 13. Spieltag an Thanksgiving.

Beginnen wir mit dem aktuellen Klassenprimus:

Green Bay Packers (Divisiontitel: 15 – seit Gründung der NFC)

Dank des Sieges gegen die Vikings also der Tabellenführer und auf dem Weg zum 16. Titel. Unter dem neuen Headcoach Matt LaFleur ist gerade die Offense der Packers im Umbruch. Um es besonders den jungen Spielern leichter zu machen, wird von Aaron Rodgers erwartet, das vorgegebene Scheme ernst zu nehmen. Unter Mike McCarthy war dies zuletzt zu selten der Fall. Letzte Saison änderte Rodgers gefühlt jeden Spielzug vorm Snap eigenmächtig nochmal schnell ab. Im Vorfeld hatte ich angenommen, dass diese neuen Vorgaben von außen Rodgers in ein Korsett zwängen könnten, das ihm seiner Scramble- und Improvisationsfähigkeiten beraubt. Dies scheint ein Trugschluss gewesen zu sein. Rodgers ordnet sich dem Erfolg des Teams unter und konnte zu seiner alten Stärke zurückfinden. Wenn es in einem Spiel mal nicht läuft, sieht man allerdings auch heute noch einen Rumpelstilzchen-Rodgers, der sich zuweilen hitzige Wortgefechte mit Matt LaFleur liefert. Dies war vor allem dann zu beobachten, wenn das Playcalling nach Rodgers Auffassung zu konservativ wurde, als es darum ging eine Führung zu verteidigen. Oder wenn der ursprüngliche Matchplan nicht aufging, aber keine adäquaten Anpassungen vorgenommen wurden (wie zuletzt bei der Niederlage in San Francisco).

Obwohl die Defense von Chicago und Minnesota beide im Schnitt deutlich weniger Punkte zugelassen haben, grüßen die Packers doch vom Platz an der Sonne. Weshalb? Die Defense der Packers hat so ihre Probleme in der Secondary und ist mit tiefen Bällen vermutlich am besten zu attackieren. Das Problem nur: Wer tief wirft, braucht Zeit und die hat der gegnerische Quarterback nur selten. Mit den Outside-Linebackern Za-Darius Smith und Preston Smith (nicht verwandt oder verschwägert) haben die Packers das statistisch betrachtet erfolgreichste Edgerush-Tandem der gesamten NFL (zusammen 20,5 Sacks). „There is a light that never goes out“ außer The Smiths kommen.

Quelle: Green Bay Packers

Aber natürlich kann der Passrush nicht alles regeln und so ist die Offense gezwungen zuverlässiger zu punkten als der Gegner. Das perfekte Beispiel: In Woche 7 wurden gegen die Raiders zwar 24 Punkte zugelassen, aber eben auch satte 42 erzielt. Im Zuge dieser Abreibung übrigens, gelangen der Offense in acht Possessions historische sechs Touchdowns. Als i-Tüpfelchen bescherte diese Teamleistung Aaron Rodgers sein erstes perfektes Passerrating (158,3). An dieser Stelle denkt euch bitte ein anerkennendes Nicken des Autors verbunden mit einem zähneknirschenden, aber sportlich respektvollen: Glückwunsch, A-Rod!

Nun wird es aber höchste Zeit ein wenig Wasser in den Wein zu gießen. Einen 8-3-Record kann und will ich zwar nicht schlechtschreiben, aber trifft Green Bay auf eine starke Defense mit einem dominanten Passrush – wie am letzten Sonntag in San Francisco – ist die O-Line nicht immer so stabil wie gewohnt. Die meisten der bisher geschlagenen Teams waren per Record eher Ligadurchschnitt (leider inklusive der Bears) oder schlechter. Echte Playoff-Contender mit starken Records, die besiegt wurden, waren “nur“:

  • die Chiefs, die bekanntermaßen durch ihre überragende Offense funktionieren und in keinster Weise dank ihrer Defense. Vor allem die Secondary verteidigt teilweise haarsträubend und weiß von einem Rodgers auseinandergenommen zu werden und, ja:
  • die Vikings.

Heute Abend (MEZ) spielen die Packers in New Jersey gegen die New York Giants (2-9), eine Pflichtaufgabe.

Minnesota Vikings (Divisiontitel: 20)

An dieser Stelle hole ich mal ein bisschen weiter aus. Wir schreiben das Jahr 2017. Die Vikings gewannen souverän die Division und machten sich berechtigte Hoffnungen auf einen tiefen Playoff-Lauf. Starting Quarterback war Case Keenum. Das Ziel – ja, der Traum – war den Superbowl im eigenen Stadion zu spielen. Dies war in der Geschichte der NFL noch keinem Team gelungen. Doch schon in den Divisional Playoffs stand man zuhause gegen die New Orleans Saints bereits mit eineinhalb Beinen vor dem Aus, da die Saints 25 Sekunden vor Schluss per Fieldgoal in Führung gegangen waren. Doch in einem inzwischen legendären Play, das später als “Wunder von Minnesota“ bekannt wurde, warf Case Keenum über 40 Yards zu Stefon Diggs, der dank eines eklatanten Fehlers der Verteidigung mit auslaufender Uhr unbedrängt in die Endzone lief. Das Stadion explodierte.

Nach diesem Motivationsboost schien plötzlich alles möglich. Der Traum war zum Greifen nah. Zwischen den Vikings und dem Einzug in den Superbowl standen in den Conference Finals “lediglich“ die Philadelphia Eagles. Die Vikings gingen auf fremden Platz mit 7:38 gnadenlos baden. Superbowlsieger im Stadion der Vikings wurden bekanntlich jene Eagles.

Dieser Stachel saß tief und man wollte – sich im Contender-Fenster wähnend – 2018 unbedingt einen neuen Versuch wagen. Die Vikings verpflichteten mit Kirk Cousins einen neuen Quarterback und gaben ihm einen fetten Dreijahresvertrag für 84 Millionen Dollar. Dennoch war letzte Saison irgendwie der Wurm drin. Kein Mannschaftsteil konnte an die Leistung der Vorsaison anknüpfen. Die O-Line war löchrig, Cousins stand ständig unter Druck. Für Offensive Coordinator John deFilippo war die Saison vorzeitig beendet. Headcoach Mike Zimmer ließ laufen und eines der besten Receiverduos der Liga (Adam Thielen und Stefon Diggs) links liegen.

Auch 2019 begann durchwachsen. Gerade Cousins bekam nicht viel auf die Kette und so verlor man auch gegen die Bears. Inzwischen zeigt Cousins gute bis sehr gute Leistungen, die ihn – wie eingangs erwähnt – sogar in den erweiterten Kreis der MVP-Verlosung gebracht haben: 226 von 320 Pässen für 2756 Yards angebracht, 21 Touchdowns bei nur 3 Interceptions, Passerrating 114,8.

Quelle: vikingswire.usatoday.com

Das heißt aber auch: Die O-Line hat sich wieder stabilisiert, was sich eben auch im Rungame widerspiegelt: Dalvin Cook lief 214 mal für insgesamt 1.071 Yards (Platz 3) und die 142,5 Rushing Yards pro Spiel bedeuten Platz 4 in der entsprechenden Statistik.

Auch auf der anderen Seite des Balls läuft es besser. Edgerush-Tandem Danielle Hunter und Everson Griffen (gemeinsam 15,5 Sacks) gehen erfolgreich auf Quarterback-Jagd. Die Defense lässt im Schnitt 18,6 Punkte zu (Platz 6). Sidefact: Die zuletzt oft gescholtene Bears-Defense rangiert in dieser Statistik übrigens auf Platz 4 (17,1 Punkte zugelassen) – nicht ganz schlecht.

Im Monday Night Game müssen die Vikings nun im CenturyLink Field bei den Seattle Seahawks (9-2) ran. Ein Spiel auf Augenhöhe, das sehr interessant werden dürfte.

Detroit Lions (Divisiontitel: 3)

Die Jungs aus der Autostadt können einem schon leid tun. In der Offseason die Hausaufgaben gemacht. Die Passrushproblematik mit Try Flowers prominent adressiert, die Secondary mit Justin Coleman verstärkt und für die Offense – auch im Runblocking – Tight End Jesse James verpflichtet. Der Plan der Lions schien vor der Saison zu sein, dank einer dominanten Defense die Möglichkeit zu haben, über ein starkes Rungame Spiele zu gewinnen.

Zwar war die Defense – und allen voran Trey Flowers – von Anfang an nicht so dominant wie erhofft, aber dank eines starken Matthew Stafford (fünf von acht Spielen mit einem Passerrating von 110 oder mehr) sah Detroit oft besser aus als das Ergebnis des Spiels es auf dem Papier bescheinigte. Vor dem ersten Spiel gegen die Bears – mit einem Record von 3-4-1 – fiel Stafford dann wegen Brüchen im Rücken, die er wohl schon länger mit sich herumschleppt, aus und ist seitdem nicht spielfähig. Danach gab es keinen einzigen Sieg. Und auch der Backup-Quarterback Jeff Driskel musste bei der Niederlage gegen die Bears an Thanksgiving wegen Oberschenkelproblemen passen. Der Backup vom Backup David Blough machte trotzdem ein gutes Spiel, ebenso wie die O-Line. Zwar ist der Pushrush der Bears dieses Jahr nicht so dominant wie noch 2018, aber es war dennoch spannend zu sehen, wieviel Zeit dem jungen Quarterback verschafft wurde – vor allem Veteran Tackle Rick Wagner machte ein sehr gutes Spiel. Die Lions kämpfen also – ihrem Namen entsprechend – tapfer und stehen dennoch mit 3-8-1 abgeschlagen auf dem letzten Platz der Division. Sieben der acht Niederlagen wurden mit acht oder weniger Punkten Abstand – sprich mit einem Score Unterschied (TD + 2-Point Conversion) – verloren und hätten zum Teil genauso gut gewonnen werden können, manchmal müssen.

Auch das Spiel gegen die Bears am Donnerstag hätte anders enden können (Dank an dieser Stelle an Eddie Jackson!). An der Seitenlinie wirkte Headcoach Matt Patricia resigniert.

Quelle: detroitsportsnation.com

Viel lief diese Saison wie gesagt gegen die Lions. Auf einer Seite über die Chicago Bears, Mitglied der „Black & Blue Division“ mit übrigens 11 Titeln, sollte ich sowas vielleicht nicht schreiben, aber im Sinne des Sports hoffe ich, dass GM Bob Quinn und Besitzerin Martha Firestone Ford ihrem Headcoach noch ein weiteres Jahr Zeit geben, um zu beweisen, dass es unter günstigeren Umständen auch anders geht.

Die Stärke der Konkurrenz fördert die eigene Stärke. Ich bin schon jetzt gespannt auf die Machtverhältnisse der NFC North im kommenden Jahr.

FaBear
sportbegeistert bis ins flauschige Frottee von Jim McMahons Schweißband. Deshalb hat auch er einiges selbst ausprobiert, ohne dass jemals nennenswert über ihn berichtet worden wäre. Traumatisiert von diesem Umstand, entschied er sich im gesetzten Alter auf die andere Seite zu wechseln und künftig über Athleten zu schreiben, die wissen, was sie tun. Seit 2019 betrifft das insbesondere die Jungs der Chicago Bears nebst ihren Kontrahenten aus der NFL.