Die Fehleranalyse: Woran hakt es bisher?

Quelle: USA Today

Die Saison 2019 ist in vollem Gange. Erste Tendenzen kristallisieren sich heraus. Die Chicago Bears haben inzwischen etwa ein Drittel ihrer Regular Season Partien gespielt – darunter zwei wichtige Divisionsduelle – und stehen 3-2, was für eine gewisse Unruhe in Chicago sorgt. In der Division ist man schon unter Druck. Franchise-extern erwartet mancher bereits personelle Veränderungen. Unterdessen fordert Matt Nagy die handelnden Personen dazu auf, auch sich selbst zu hinterfragen. Da scheint die Spielpause der Bears gerade ganz gelegen zu kommen. Auch wir folgen dem Aufruf und haben die Auszeit genutzt, um eine erste Fehleranalyse zu erstellen. Was muss nach der Bye-Week dringend besser laufen?

Das Playcalling

Gerade in der enttäuschenden Auftaktpleite gegen die ewigen Rivalen aus Green Bay war ich hinsichtlich des Playcallings desillusioniert. Was wurde in der Vorbereitung die Unberechenbarkeit der Offense angepriesen. Es wurde die Vielseitigkeit einzelner Spieler gelobt und die Qualitätstiefe sollte einen unkonventionellen Einsatz der Positionsgruppen ermöglichen. Nichts davon war zu sehen, als es das erste Mal darauf ankam. Gerade zu Saisonbeginn – zuhause gegen den Erzrivalen – erwarte ich ein aggressiveres Offensive Playcalling, da ja auch die Defense des Gegners noch nicht genau wissen kann, wo sie eigentlich steht.
Hinzukam, dass das Verhältnis Lauf-/Passspielzug gegen die Packers überhaupt nicht ausbalanciert war. Über Dreiviertel der Spielzüge gingen durch die Luft. Weshalb wird Trubisky direkt zu Saisonauftakt genötigt, einen Pass nach dem anderen rauszufeuern, anstatt sich über das Laufspiel und Run-Pass-Option zu etablieren? Es mag zum Teil dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass die O-Line ungewohnt löchrig und das Run-Blocking erschreckend schwach war. Dazu aber mehr im nächsten Punkt. Dennoch ist eine gewisse Balance wichtig – nicht zuletzt für das Selbstbewusstsein eines jungen Quarterbacks im ersten wichtigen Spiel nach acht Monaten.
In den folgenden Partien (gegen die Redskins und Vikings) gelang der Spagat zwischen Lauf und Pass deutlich besser, wenngleich ich die erhoffte Kreativität im Playcalling bis heute (die Raiders-Niederlage eingeschlossen) vermisse (Stichwort Misdirection, Jet Sweep, Mesh Konzepte usw.).

Trubisky und die O-Line

Sehr viele Experten und Fans – mich eingeschlossen – erwarteten von Trubisky dieses Jahr den nächsten Schritt nach vorne. Dieser blieb bisher eindeutig aus. Doch nicht nur das: Unser Starting Quarterback macht für mich sogar einen schlechteren Eindruck als im letzten Jahr. In seinen Würfen ist er inkonstant und ungenau. Unabhängig vom Playcalling oder der löchrigen O-Line blieb er in den ersten Spielen zudem viel zu lange am ersten Read kleben und übersah deshalb weit offene Passempfänger. Im Nachhinein betrachtet, also der Ort, an dem man immer schlauer ist, war es vielleicht keine so gute Idee, den jungen, unerfahrenen Quarterback in der Vorbereitung quasi komplett zu schonen. Besser wäre gewesen, ihn den Rost der Offseason abschütteln zu lassen und sich auf dem Rasen unter Wettkampfbedingungen auf die Saison vorzubereiten.
Auch Trubiskys gefürchtetes Scrambling (in den ersten drei Spielen im letzten Jahr: 64 Yards bei 14 Versuchen) ist bisher quasi nicht existent (in drei aktiven Spielen 21 Yards bei 5 Versuchen). Und apropos Scrambling: Bei eben einem solchen Versuch verletzte sich Trubisky gegen Minnesota an der Schulter. Das sah schon beim Zugucken schmerzhaft aus. Chase Daniel übernahm und gewann gegen die Vikings. Das London Game gegen die Raiders ging unter ihm allerdings verloren. Meiner Meinung nach hatte diese Niederlage aber andere Gründe als den Quarterback (trotz der spielbeendenden Interception in aussichtsreicher Position kurz vor Schluss).
Denn natürlich können auch die besten Quarterbacks nur hinter einer funktionierenden O-Line glänzen. Die Bears ließen bisher 26 Hits und 13 Sacks zu – das ist statistisches Mittelfeld. Alarmierender eher das Runblocking.  Cohen zerschellt regelmäßig nach nur wenigen Yards an der Front Seven des Gegners oder wird – noch schlimmer – für Raumverlust getackelt. Davis spielt bisher ohnehin kaum eine Rolle in Nagys Gameplan. Nur der kaum zu fassende Montgomery kann das schlechte Runblocking ansatzweise kompensieren. Kaum auszudenken, was der Mann mit einer O-Line in Topform im Stande wäre zu leisten. Jedenfalls brachten die Bears bisher nur 3,4 Yards pro Laufversuch zustande (Platz 29 in der NFL – nur drei Teams sind schlechter). Mehr zur O-Line rund um den wackelnden Kyle Long, der nun auf der Verletztenliste ist, plant mein Kollege Coach D in den kommenden Wochen.

Flaggen / Undiszipliniertheiten

An diesem Punkt stelle ich für einen kurzen Moment den Meckermodus ab und komme zu unserer Defense. Der Befürchtung vieler Experten zum Trotz, man könne das Niveau nicht halten, liefern Mack und Co. Woche für Woche ab.
Nur gegen die Raiders war irgendwie (in allen Mannschaftsteilen) der Wurm drin. So ließ die Defense unerwartete 169 Rushing Yards zu. In den ersten vier Spielen waren es immer unter 100. In London war dann auch – leider auf der falschen Seite – gutes Runblocking der O-Line zu besichtigen: Gerade Josh Jacobs war nicht zu fassen. Dennoch wäre es absurd, jetzt eine Diskussion über die Qualität unserer Defense zu führen. 16 Saisonspiele auf absolutem Topniveau abzuliefern, wäre unmenschlich. Was mich aber in den ersten fünf Spielen zur Weißglut gebracht hat, waren die einer Elite-Defense unwürdigen Flaggen. 337 Yards – im Schnitt also 67,4 Yards – haben wir der gegnerischen Offense bisher “geschenkt“.
Exemplarisch für mich die leicht vermeidbare Strafe gegen Eddie Jackson im Spiel gegen die Vikings. Man hatte Cousins und Co. bei 4th & 16 quasi gerade vom Feld geholt, als sich Jackson auf einen Diskurs mit Offensive Tackle Brian O‘Neill einließ, was zu einer 15 Yard-Strafe und somit zu einem neuen First down für die Vikings führte (Unnecessary Roughness). In diesem Drive schenkten die Bears ihrem Gegner 30 Yards durch Strafen: Eben jene „Unnecessary Roughness“, sowie „Holding“, „Illegal use of the Hands“ und „Neutral Zone Infraction“. Daraus resultierten drei automatische First Downs, die selbst ungefährliche Gegner gefährlich werden lassen. Gut, dass Prince Amukamara dem Spuk ein Ende setzte, als er dem Ballträger der Vikings das Spielgerät aus der Hand schlug und so eine Fumble Recovery für Clinton-Dix vorbereite.
Chuck Pagano sollte in der Bye-Week mit seinen Jungs daran arbeiten, sich fürs Tackeln besser in Position zu bringen. Strafen wie „Holding“, „Illegal use of the Hands“ oder „Facemask“ sollten so reduziert werden. Strafen wie „Offside“ oder „Neutral Zone Infraction“ sind bei einem Heimspiel hingegen eine reine Konzentrationsgeschichte, während „Personal Fouls“ Undiszipliniertheiten sind, die es gilt abzustellen.
Aber ich will mich hier gar nicht auf die Defense einschießen: Auch die Offense kassiert zu viele Strafen. 356 Yards ging es so auf dem Spielfeld zurück. Alleine die O-Line verschuldete elf Flaggen. Charles Leno Jr. führt die Liga bei den Strafen sogar an – 8 Flaggen. Darunter vier Holding-Calls und zweimal „Illegal use of the Hands“. O-Line-Coordinator Harry Hiestand sollte mit seinen Jungs dringend am straffreien Blocken arbeiten.

Verletzungspech und Form

Der Punkt, an dem weder dem Playcalling noch den Spielern ein Vorwurf zu machen ist, ist
die Verletztenmisere, die uns seit Saisonbeginn verfolgt wie ein Fluch. Klar, im Football verletzen sich Spieler. Das bleibt leider nicht aus. Aber dass ein Starter nach dem anderen wegbricht, ist schon hart.

Los ging es direkt zu Saisonbeginn, als Trey Burton im Auftaktspiel im Soldier Field wegen Leistenproblemen nicht auflaufen konnte und schmerzlich vermisst wurde. In Woche 2 brach sich Bilal Nichols die Hand und fiel aus – bis heute. In Woche 3 musste Long wegen Hüftproblemen passen. Inzwischen ist klar, dass er die gesamte Saison raus ist. Was dahinter stecken könnte, erklärt Coach-D ebenfalls in seinem Artikel zur O-Line. Gegen die Redskins erlitt Taylor Gabriel eine Gehirnerschütterung und fällt seitdem aus. Akiem Hicks verpasste das Spiel gegen die Vikings wegen Knieproblemen, ehe er gegen die Raiders zurückkehrte, nur um kurze Zeit später mit einer üblen Ellbogenverletzung vom Feld gebracht zu werden. Hinzu kam auch noch Roquan Smith, der das Spiel gegen die Vikings zwar nicht verletzungsbedingt, aber aus persönlichen Gründen nicht bestreiten konnte. Diese Liste könnte noch weitergeführt werden. Wichtig zu erwähnen an dieser Stelle aber noch zwei Namen: Unser Starting Quaterback Mitch Trubisky, der sich wie schon erwähnt gegen die Vikings an der Schulter verletzte und auch das Spiel gegen die Raiders verpasste. Aber auch unser neuer Kicker Eddy Pineiro war und ist angeschlagen (Knie), was bei den letzten Field Goal Versuchen deutlich zu erkennen war. Der bisher einzige vergebene Versuch (gegen die Redskins) dürfte auch dieser Verletzung geschuldet sein. In dieser Woche befinden sich u.a. Trubisky, Gabriel und Nichols aber wieder auf dem Trainingsplatz.

Fazit

Schließen möchte ich mit der Quintessenz der vorgenannten Gründe: Viele Spieler – gerade in der Offense – befinden sich in einem Formtief. Dass es sich nur um ein Tief handelt und die Qualität grundsätzlich vorhanden ist, hat die letzte Saison bewiesen. Wenn nun Teile des Teams – wir sprachen über unseren Quarterback und die O-Line – ein Leistungstal durchschreiten, müssen andere Spieler – die Go-To-Guys und Playmaker – in die Bresche springen. Auch dies passiert derzeit noch zu wenig. Schlüsselspieler Tarik Cohen hatte – verbessert mich, wenn ich mich irre – in fünf Spielen erst ein echtes Big Play (71 Yards Punt Return gegen die Raiders). Allen Robinson ist redlich bemüht, kann als Go-To-Guy aber sicher noch mehr Last von Trusbisky nehmen, ebenso der zurückgekehrte Trey Burton. Im Allgemeinen wurden zu viele “einfache“ Receptions liegen gelassen, was einem verunsicherten Quarterback nicht gerade hilft. Nun kommt mit den New Orleans Saints (5-1) am Sonntag ein echter Contender ins Soldier Field. Da gilt es erstens die Offense des Gegners am besten an der Seitenlinie zu halten und viel Zeit von der Uhr zu nehmen und zweitens nichts liegenzulassen und möglichst jede sich ergebende Chance in Punkte umzuwandeln. Dazu bedarf es zweifellos einer Leistungssteigerung der gesamten Bears Offense. Sonntag wissen wir mehr.

FaBear
sportbegeistert bis ins flauschige Frottee von Jim McMahons Schweißband. Deshalb hat auch er einiges selbst ausprobiert, ohne dass jemals nennenswert über ihn berichtet worden wäre. Traumatisiert von diesem Umstand, entschied er sich im gesetzten Alter auf die andere Seite zu wechseln und künftig über Athleten zu schreiben, die wissen, was sie tun. Seit 2019 betrifft das insbesondere die Jungs der Chicago Bears nebst ihren Kontrahenten aus der NFL.