#Bears100: Sweetness never dies

Quelle: joemontanasrightarm.com

Anfang des Monats, wenige Tage vor dem Start der 100. NFL-Saison, wurde am Soldier Field eine 3,66m große und 1,3 Tonnen schwere Statue von dem Mann enthüllt, der als einer der besten Runningbacks gilt, die dieses Spiel je gespielt haben. Und der vor 20 Jahren viel zu früh von uns ging. Bear Down Germany entschied sich für eine weniger gewichtige, aber für uns genauso wichtige Hommage – in bescheidenerer, in schriftlicher Form.

Witwe Connie (Mitte), Sohn Jarrett und Tochter Brittney (rechts) enthüllen die Statue. Quelle: Chicago Tribune

Die Kindheit

Geboren wurde Walter Jerry Payton am 25. Juli 1954 in Columbia, Mississippi. Er ist das jüngste der insgesamt drei Kinder von Alyne und Edward Charles Payton.

Jahre später behauptete Payton mit einem Augenzwinkern, er habe seine Moves schon damals gezwungenermaßen erlernt, als er dem körperlichen Zorn seiner älteren Geschwister zu entgehen versuchte.

Trotz der Rassenunruhen, die in den Südstaaten damals noch deutlich schlimmer waren als heute, so empfand Walter seine Kindheit als eine angenehme Zeit. Besonders mit seinem Bruder Eddie war er in Columbia sehr aktiv, ging Wandern, Fischen oder Bogenschießen und probierte einige Sportarten aus. Musisch war der spätere Footballstar auch veranlagt. Er spielte die Drums in der Marching Band und einigen Jazz Combos. Zudem sang er engelsgleich im Kirchenchor. Nach Eddies Aussagen könnte Paytons späterer Spitzname “Sweetness“ von seiner melodischen, eher sopranen Stimme herrühren.

Um ihre Söhne aus den Rassenunruhen heraus- und von der Kriminalität fernzuhalten, ließ sich Alyne Payton eines Sommers einen riesigen Berg Mutterboden anliefern, den Eddie und Walter dann abzutragen und über Wochen im Garten zu verteilen hatten. Eine unkonventionelle, aber effektive Methode, zwei testosteronbeladene, junge Männer von dummen Gedanken abzuhalten.

Mit dem Football spielen begann Payton an der John Jefferson High, auf die nur farbige Schüler gingen. Schnell wurden seine besonderen Fähigkeiten erkannt. In seinem letzten Jahr wechselte er auf die Columbia High, zu deren Footballteam auch weiße Spieler zählten. Wer sich jetzt eine Geschichte à la “Gegen jede Regel“ wünscht, wird aber enttäuscht. Augenzeugenberichten zufolge, war die Rassenfrage im Team nie ein Thema. Anders als überall um die Spieler herum. Und das sollte Payton bald zu spüren bekommen. Denn trotz herausragender Leistungen auf dem Feld, blieben Anfragen der renommiertesten Colleges aus.

Der Fairness halber sei aber auch erwähnt, dass Payton nicht traurig war, seinem älteren Bruder, der später ebenfalls erfolgreich in der NFL spielte, an die Jackson State folgen zu dürfen und somit auch nah bei der Familie bleiben zu können. So entwickelte sich auch der jüngste Payton-Spross an der Jackson State zu einem Spitzenathlet. Bei der Wahl zur “Heisman Trophy“, die den besten Spieler des College auszeichnet, landete Payton auf Platz 4. Es gibt nicht wenige, die behaupten, er hätte die Wahl gewonnen, wenn er für ein renommiertes College gespielt hätte.

Im 1975er NFL Draft war es dann trotzdem soweit: In der ersten Runde kamen an vierter Stelle die Chicago Bears an die Reihe. Sie entschieden sich für Walter Payton und der Rest ist Geschichte.

Never die easy – das Phänomen auf zwei Beinen

Sage und schreibe 13 Spielzeiten (!) später – für einen Runningback eine geradezu absurd lange Zeitspanne – beendete Payton seine Kariere ebenfalls in Chicago, ohne jemals woanders gespielt zu haben. Verpasst hat er in dieser Zeit lediglich ein einziges Spiel – einfach unfassbar!

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, könnte ich jetzt von den 16.726 Karriere Rushing Yards schreiben, von den 4.538 Receiving Yards und den insgesamt 125 Touchdowns als Runner und Passempfänger. Ich könnte an seine neun Pro Bowl Nominierungen erinnern, an den MVP-Titel 1977 und daran, dass er damals – an einem geschichtsträchtigen Tag im November jenen Jahres – immer wieder durch die Vikings Defense schnitt wie ein Messer durch warme Butter und damit 275 Rushing Yards aufs Grün zauberte. Damit brach er seinerzeit O.J. Simpsons Rekord für die meisten Rushing Yards in einem Spiel. Und das grippegeschwächt! Ich könnte erwähnen, dass er auch heute – 30 Jahre nach Karriereende – in Chicago franchise-intern noch immer mindestens 19 Rekorde hält. Ich könnte euch auffordern, schleunigst die unzähligen Highlight-Videos auf youtube rauf und runter zu liken. All das tue ich nicht. Stattdessen trete ich an dieser Stelle demütig zurück, um meinem Kollegen Coach D zu Wort kommen lassen, der als einziger aus unserer Redaktion die Ehre hatte, Sweetness nicht nur live im Fernsehen, sondern sogar live im Soldier Field spielen zu sehen (Sportgeschichte):

„Als ich neun war vergötterte ich Walter Payton und versuchte immer ihn zu imitieren. Zuhause rannte ich durch das Esszimmer, stieß beim Juking, Cutting und Spinning einen Stuhl um. Jeden Sonntag saß ich direkt vor dem Fernseher, um die Spiele zu schauen. Das Spiel gegen die Redskins in der legendären 1985er Saison habe ich live im Stadion gesehen. Sweetness war so leichtfüßig und beweglich, konnte aber auch in seine Gegner reinhämmern. Nach diesem Spiel war ich Runningback. Und ich war nicht der einzige: Wir Jungs schlugen uns beinahe die Köpfe ein, weil jeder die #34 tragen wollte, bis der Coach uns das Jersey wegnahm.“

So wie es Coach D beschreibt, erging es tatsächlich unzähligen Menschen in Chicago. Payton war nicht nur ein Ausnahmeathlet, er war das Vorbild einer ganzen Region. Denn ihrem Helden wurde nichts geschenkt und er kämpfte bis zum Umfallen für seinen Erfolg. In seinem ersten Spiel für die Bears konnte Payton keinen einzigen Yard Raumgewinn erzielen. Erste Stimmen wurden laut, dass der Sprung in die NFL wohl doch eine Nummer zu groß sei. Das traf ihn hart. Trotzdem oder gerade deshalb trainierte Payton bis an die Grenzen der Belastung und manchmal darüber hinaus. Er sprintete den Nickol Knoll Hill, der später in Payton‘s Hill umbenannt wurde, solange rauf und runter bis nichts mehr ging. Sein Sohn Jarrett sieht diesen Hügel heute als eine Metapher für den Ehrgeiz seines Vaters, wenn er sagt: „Unten stehen zu bleiben ist einfach. Erst wenn man den Berg beklommen hat, oben steht und hinabblickt, sieht man, was man geschafft hat.“ Paytons Motto “Never die easy“ passt da wie die Faust aufs Auge. Auf dem Feld bedeutete dies, dem Gegner nicht ein Yard, nicht ein Inch zu schenken. Kampflos out-of-Bounds zu laufen, kam in Paytons Playbook nicht vor.

Der Superbowl-Erfolg mit Beigeschmack

Und deshalb war der Tag des Superbowl-Erfolgs – der 26. Januar 1986, als die Bears im Louisiana Superdome in New Orleans die Patriots 46:10 schlugen, – für den ehrgeizigen Payton auf der einen Seite natürlich sein größter Erfolg. Auf der anderen Seite aber auch eine schallende Ohrfeige. Was war passiert? Payton war mit einem Fumble in das Spiel gestartet, der den Patriots erlaubte, per Fieldgoal 3:0 in Führung zu gehen. Das nagte an Payton. Die Defense hielt die Bears trotzdem im Spiel und erlaubte vor erst keine weiteren Punkte (erst im letzten Viertel erzielten die Patriots ihren einzigen Touchdown des Abends). Die Bears Offense hatte also genug Gelegenheit, zu punkten. Auch Payton lief. Er hatte 22 Carries im ganzen Spiel. Doch er lief immer nur bis kurz vor die Endzone. Im dritten Viertel dann lag das Ei ein Yard vor der gegnerischen Endzone. Alle dachten, nun sei Payton-Time. Auch Quarterback Jim McMahon gab später zu Protokoll, er sei überzeigt gewesen, dass nun ein Spielzug ausgepackt werden würde, der dem Star-Runningback, der großen Anteil daran hatte, dass die Bears überhaupt im Superbowl standen, seinen Touchdown ermöglichte. Doch Trainer Mike Ditka entschied anders. Er ließ William “The Fridge“ Perry in die Endzone laufen. Payton blieb ohne Touchdown und war sichtlich enttäuscht. Am Ende stand es wie gesagt 46:10 für die Bears. Es war einer der einseitigsten Superbowls der Geschichte. Auch deshalb mischte sich in die Freude bei (fast) allen Beteiligten auch Fassungslosigkeit. Heute sagt Ditka, der Perry laufen ließ, er wäre so fokussiert gewesen, dass ihm gar nicht aufgefallen war, dass Payton noch keinen Touchdown hatte. Heute würde er es anders machen.

Mike Ditka auf den Schultern der Spieler. Quelle: Chicago Tribune

Jetzt könnte man argumentieren, dass Football ein Mannschaftssport ist und es nicht auf die Befindlichkeiten einzelner Spieler ankommt. Stimmt! Sweetness selbst sagte das auch: „We are stronger together than we are alone.” Aber einem Spieler, der das Team seit Jahren offensiv trug und der eine Ikone für eine ganze Stadt ist, diesen einen Touchdown zu verweigern, zumal das Spiel längst entschieden war, ist schon hart.

Nach diesem Wechselbad der Gefühle, bog Payton in die Zielgerade seiner Karriere ein. Als er nach der Saison 1987/88 in Rente ging, hatte er in zehn von dreizehn Spielzeiten mindestens 1.200 Rushing Yards erlaufen. Beispiellos.

Nach Karriereende hatte Payton verschiedene Ideen, wie die Lücke, die der Football hinterlassen hatte, zu füllen sei. Diese hier zu beleuchten, würde eindeutig den Rahmen sprengen.
1993 wurde er in die Football Hall of Fame aufgenommen.

Abseits des Feldes

Aber auch abseits des Sports machte Payton stets eine sehr gute Figur und bekam seinen Spitznamen vielleicht auch ein stückweit deshalb. In einem Interview kurz nachdem er der All-Time Rushing Leader der NFL wurde, sagte er mit seiner angenehm ruhigen, zurückhaltenden Art, dass die kleinen Dinge im Leben – die Freundschaft zu seinen Teamkameraden, das Lächeln seiner Kinder – ihm viel wichtiger wären, als Rekorde. Ja, natürlich konterkariert diese Aussage die zuvor beschriebene Traurigkeit über den fehlenden Touchdown im siegreichen Superbowl, aber es unterstreicht eben auch den Ehrgeiz eines Sportlers.

Apropos ehrgeizige Sportler: Emmitt Smith, zweifellos ebenfalls einer der besten Runningbacks aller Zeiten, berichtete einst, dass er ein ganz besonderes Erlebnis mit seinem persönlichen Vorbild Walter Payton gehabt hatte. Smiths Cowboys spielten im Monday Night Game in Chicago. Payton hatte zu diesem Zeitpunkt seine Karriere längst beendet. Kurz vor der Goalline bekam Smith den Ball von Quarterback Troy Aikman übergeben und schlug im Getummel unglücklich auf dem Boden auf. Er verletzte sich schwer. Als er mit halbseitigen Lähmungserscheinungen vom Platz gefahren wurde, seien alle um ihn herum ganz aufgeregt gewesen. Und plötzlich stand Sweetness neben ihm. Er muss als Zuschauer ins Soldier Field gekommen sein. Payton beugte sich zu ihm herunter, küsste seine Stirn und flüsterte ihm zu: „Don‘t worry, Buddy, you’ll be okay.“ Und so kam es. Im Oktober 2002 brach Emmitt Smith Paytons All Time Rushing Record.

Eine weitere kleine Anekdote, die Paytons Charakter beschreibt, erzählte sein Sohn Jarrett. Als dieser in seinem Footballspiel nach einem beachtlichen Run ansetzte seinen Touchdown überschwänglich zu bejubeln, hörte Jarrett einen Pfiff und sah seinen Vater, der ihm mit einer eindeutigen Geste dringend davon abriet, das Selbstdarstellen zu übertreiben.

Zudem war Payton ein echter Spaßvogel, der gerne Quatsch machte und seine Kameraden piesackte. Ein bekanntes Foto zeigt Payton im Trainingscamp, wie er seinem besten Kumpel im Team – Vorblocker Matt Suhey, der vor Payton im 3-Point-Stance steht – von hinten die Buchse runterzieht (siehe unten). Später entschied Payton, dieses Bild als Weihnachtskarte all seinen Verwandten und Bekannten zu schicken.

Payton & Suhey. Quelle: icollector.com

Es gibt unzählige dieser kleinen Beispiele dafür, was Payton für ein Mensch war, weshalb er von Millionen Menschen geliebt wurde und warum der Spitzname Sweetness auf so viele Arten einfach passt. Dass der “NFL Man of the Year Award“, der herausragende Leistungen auf dem Feld, aber auch soziales Engagement außerhalb des Feldes, honoriert, nach Paytons Tod in “Walter Payton Man of the Year Award“ umbenannt wurde, unterstreicht dies. Payton selbst erhielt die Trophäe noch unter ihrem alten Namen im Jahre 1977.

Die Krankheit

Als sich Payton Ende der 90er Jahre in der Öffentlichkeit zeigte, war sein Körper plötzlich ausgemergelt. Sein Gesundheitszustand schien kritisch. Es kamen Gerüchte auf, Payton habe Alkohol- oder Drogenprobleme. Daraufhin entschied die Familie, die Öffentlichkeit zu informieren, dass der ehemalige Star-Runningback an einer seltenen Leberkrankheit litt. Die Pressekonferenz am 3. Februar 1999 war herzzerreißend. Mit Bekanntwerden der Krankheit wurde vielen Fans erst bewusst, dass ihr Superheld auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut war.

Mit dem Tod Paytons am 1. November 1999 stand eine ganze Stadt, ein ganzes Land, unter Schock und versank in tiefer Trauer. Roy Taylor, Autor eines Blogs über die Vergangenheit der Chicago Bears, schreibt über die öffentliche Beerdigungszeremonie im Soldier Field, dass Tausende junge Männer an jenem Tag ein Stück ihrer Kindheit verloren hätten. Chicago weinte wochenlang. Walter Payton hinterließ einen Sohn (bereits erwähnten Jarrett) und eine Tochter (Brittney). Er wurde nur 45 Jahre alt.

Letzte Worte

Die Stadt Chicago liebt neben ihren Bears, natürlich auch die Cubs und die Bulls. Letztere hatten in den 80er und 90er Jahren auch mal einen ziemlich guten Athleten in ihren Reihen. Schauspieler und Bears-Edelfan Ashton Kutcher beschreibt die beiden Lieblingssöhne Chicagos ganz treffend:
„Michael Jordan changed the game. Walter Payton didn’t change the game. He just played it better than everybody else.”

Schließen möchte ich meine Hommage deshalb mit zwei Zitaten der Legende selbst:
„When you’re good at something, you’ll tell everyone. When you’re great at something, they’ll tell you.” Vor Saisonstart ernannte der Chicago Tribune Walter Payton zum besten Bears-Spieler aller Zeiten.
“If you ask me how I want to be remembered, it is as a winner!” Das hast du geschafft, Walter. Die #34 wurde bei den Bears nie wieder vergeben.

Quelle: onthisday.com
FaBear
sportbegeistert bis ins flauschige Frottee von Jim McMahons Schweißband. Deshalb hat auch er einiges selbst ausprobiert, ohne dass jemals nennenswert über ihn berichtet worden wäre. Traumatisiert von diesem Umstand, entschied er sich im gesetzten Alter auf die andere Seite zu wechseln und künftig über Athleten zu schreiben, die wissen, was sie tun. Seit 2019 betrifft das insbesondere die Jungs der Chicago Bears nebst ihren Kontrahenten aus der NFL.