Pagano: Welche Veränderungen erwarten unser Herzstück?

Quelle: indystar.com // Foto: Nam Y. Huh, AP

Der neue Defensive Coordinator der Bears, Chuck Pagano, hatte nicht unbedingt die besten Voraussetzungen als Head Coach in Indianapolis erfolgreich zu sein. Na klar, er hatte Andrew Luck als Quarterback, von ihm jedoch den gleichen Erfolg zu erwarten, den er in Baltimore hatte, war mit dem Potenzial des Kaders allerdings nicht möglich.

Trotz eines defensivorientierten Head Coaches wurde beispielsweise über die Amtszeit hinweg nur ein Verteidiger mit einem der Erstrunden-Picks ausgewählt. Shoutout an Björn Werner. Das Ende vom Lied ist jedem deutschen NFL Fan bekannt – #ranNFL. In den ersten drei Jahren seiner Amtszeit erreichten die Colts dennoch eine Bilanz von 33 Siegen zu 15 Niederlagen in der Regular Season und Playoff-Teilnahmen in jeder der Saisons. Sie verbesserten sich kontinuierlich von einem Ausscheiden in der Wildcard-Runde, über die divisionale Runde hin zur Niederlage gegen die Patriots im AFC Championship Game, welches zur berühmten „Deflategate“ Geschichte führte.

Ab 2015 lief es nicht mehr ganz so rund. Andrew Luck musste immer mehr einstecken und fand sich öfter als sein Körper vertragen konnte in der Horizontalen wieder. Nachdem 2017 ein neuer General Manager übernahm wurde sofort in Defensivspieler finanziert, Paganos baldige Entlassung war jedoch zu erwarten und so kam es dann auch.

Pagano musste auf privater Ebene einiges ertragen und lernte in seiner Zeit in Indianapolis noch einiges über das Profi-Business dazu. Nimmt man ihn beim Wort, dann bekleidet er nun wieder die Position, die ihm am meisten Freude bereitet – als Defensive Coordinator und der „oppurtunity of a lifetime“. Viel Lob, allerdinggs nicht unverständlich. Die Bears Defense ist gespickt mit qualitativen Spielern, die den Unterschied ausmachen können. Vom Potenzial her findet Pagano erstmals eine Defense wie in Baltimore wieder, die ihn einst einen Job als Head Coach einbrachte.

We’re not gonna try to jam square pegs into round holes”, sagte Pagano bei seiner Vorstellung in Halas Hall. „There is a ton of talent here. They’ve built one heck of a roster. They’ve built one heck of a roster on defense. There’s impact players at all three levels.”

„So we’ll always like everybody (to) do the best that we can to put them in the best possible position to be successful and play to their strengths. So there’s going to be a lot of carry-over. There’ll be some things from a terminology standpoint that I’ll have to learn and I’ll put the onus on myself and the new coaches and try to make it as seamless of a transition as possible for the players.”

Vic Fangio hat wahrlich große Fußstapfen hinterlassen. Er war bei den Spielern sehr beliebt, in den Medien ebenso und sein Defense Philosophie fand Anklang beim Team. Paganos Ansatz den Spielern den Wechsel so einfach wie möglich zu gestalten, indem er die Play Calls beim Namen des Vorgängers behält, ist ein schlauer Schachzug. Die Kontinuität wird einen Übergang erleichtern und frühzeitig für Selbstvertrauen sorgen.

Ab dem Moment, wo Fangio den Broncos sein Ja-Wort hab, erwartete ich einen Nachfolger, der für einen aggressiveren Ansatz steht. Todd Bowles war einer der ersten Kandidaten den Ryan Pace zum Job Interview einlud, als er damals General Manager wurde. Und als Fangios Vertrag am Ende der Saison 2017 auslief war es James Bettcher, früher Cardinals, heute Giants Defensive Coordinator. Beide stehen für unterschiedliche Aufstellungen an der Front und für ihre kreative Ader beim Erzeugen von Druck durch Spieler der Secondary.

In diesem Jahr wurde es schlussendlich Pagano, welcher über seine Philosophie soviel sagt: „Wreak havoc and be calculated about it”. „We want to be aggressive. Want to dictate the tempo. Put a premium on fundamentals and technique. Put a premium on the ball, like we talked about before. Take the thing away. Nobody did it better than the Bears last year, with 36 takeaways and 27 interceptions. Affecting the quarterback. Stopping the run. Getting them in third-and-long so we can be creative, we can be aggressive.”

Bei einem Blick auf Paganos Arbeit bei den Ravens und den Colts glaube ich, dass die Inside Linebacker der Bears am meisten vom neuen Coach profitieren werden. Ray Lewis ist zwar ein Hall of Famer, doch in Indianapolis hatte Pagano nicht einmal ansatzweise Spieler von dem Kaliber eines Danny Trevathan oder Roquan Smith zur Verfügung.

Pagano hat nämlich vor allem die Bewegung des Centers im Auge. In Trainerkreisen ist seine Herangehensweise als „Three-Man-Blocking-Surface“ bekannt, denn ohne Tight End, befinden sich auf der entgegengesetzten Seite nur noch zwei Offensive Lineman. Dort attackiert Pagano am liebsten.

„I think any defensive coordinator and any defensive coach, for that matter, will tell you if you can get there with four and play seven in coverage, that’s a benefit”, so Pagano. „That’s a bonus. You don’t find that at every place. We have that here. You got game wreckers. You got Mack, Floyd and Hicks. You’ve got a bunch of guys on that defensive front seven you’re bringing, whether it’s Roquan, it doesn’t matter. You can create it however you want to create it. However the pressures, call them simulated pressures.”

„To you and the fans, it may look like a blitz, but you’re selling it one way and you get the protection turned that way and from a disguise standpoint, you’re looking at the play clock running down and as soon as it’s under a certain amount of time and they can’t change once they’ve made their declaration on new ‘Mike’ and they think it’s coming here and all of a sudden you get the rotation and it’s coming here and you’ve got the turn going this way and you get the free runner is what we call it. Sometimes it’s three guys, sometimes it’s four. Now it looks like to them, it looks like to you, ‘Man, they’re blitzing a lot.’ But that’s the beauty of some of the stuff we’re going to implement and put to use.”

Hier sind ein paar Beispiele, wie Pagano die geschwächte Seite der gegnerischen Offensive Line attackiert.

 

 

In Anspielung auf einen Fußball-Funktionär: Football ist Mathematik. Die Teams versuchen auf einem Bereich des Feldes eine Überzahl zu schaffen. Zumeist auf einer der beiden Seiten. In dem Video sieht man, wie die Ravens Defense auf der Seite, zu der sich die Offense richtet (links), eine Unterzahl von zwei Verteidigern gegenüber von vier Blockern hat, doch auf der anderen Seite ensteht eine 3vs2 Überzahlsituation. Es ist nun nicht mehr weit hergeholt, wenn man sich vorstellt, dass einer der beiden Inside Linebacker oder sogar Eddie Jackson dort durchstoßen wird.

Wo ich doch gerade Eddie Jackson erwähne. Er ist ein weiterer Kandidat, welcher enorm profitieren wird. Der allgemeine Tenor in der NFL ist, dass Eddie am nächsten an Ed Reed herankommt. Sobald Eddie das neue System und die Tendenzen der Gegner verinnerlicht hat, ist es nicht abwegig zu erwarten, dass er einen Blitz, wie den im unteren Video, zugestanden bekommt.

Einen Spieler, der die wichtige Rolle von Haloti Ngata ausfüllen kann, haben die Bears ebenfalls bereits im Kader. Akiem Hicks ist eine gleichwertige Waffe in der Defensive Line gegen den Run, als Pass Rusher und als Teamplayer. Ngata fungierte bei „Stunts“ als Blocker für Terrell Suggs und Hicks wird die Arbeit für Khalil Mack übernehmen.

Vic Fangio nutzte ähnliche Methoden, um seine besten Spieler in Position zu bringen, was Pagano ohne weiteres bei seiner Vorstellung einräumte. Jeder Defensive Coordinator nutzt solche Calls, doch wie oft sie diese verwenden zeichnet Unterschied zwischen ihnen aus.

„Everybody in the National Football League, they’re going to run the same plays, offense and defense. You just peel the decals off the helmets and it’s a different team, different skillset at each positions, but everybody’s doing, really, the same thing, offense and defense. They just call it different.”

Vic Fangio war ein, wie auf dieser Seite bereits mehrfach erwähnt, eher konservativer Defensive Coordinator. Er zog den riskanteren druckerzeugenden Taktiken die Sicherheit vor. Er schickte seine Linebacker und Defensive Backs nur sporadisch in Richtung Quarterback und noch seltener vernachlässigte er die Coverage. Pagano scheut weniger das Risiko. Das ist zwar immer ein gewagtes Spiel, doch mit dem Talent der Bears Defense können dadurch noch mehr große Aktionen geschehen.

Pagano zeigte allerdings auch ein paar seltener anzusehende Defensivfronten bei den Ravens, inklusive neuerer Wege die Coverage zu gestalten. Wie bei allem, kommt es dabei jedoch auf die zur Verfügung stehenden Spieler an. Sie müssen die ihre Aufgaben verstehen und richtig umsetzen, dabei die richtige Technik verwenden, schnell im Kopf und in den Beinen sein und eine gewisse Physis auf den Platz bringen. Die Ravens haben sich der Sache hingegeben und damit für Angst und Schrecken bei ihren Gegnern gesorgt.

Chuck Pagano findet bei den Chicago Bears ein für ihn gemachtes Nest vor. Er muss es nur noch nutzen. Unter Berücksichtigung seiner Vergangenheit sehe ich dabei jedoch keine Probleme. Er wird andere Schwerpunkte setzen, die die Spieler Defense sehr wahrscheinlich abholen wird. Es wird hier und da ein paar Anlaufschwierigkeiten geben, gerade bei den Cornerbacks, weil er es liebt so viel Druck wie möglich aufzubauen. Mit der Zeit jedoch wird die Gruppe an Spielern mit ihrer explosiven Art und ihrem Mindset eine noch dominantere Figur abgeben.

janikbears
Gründer von Beardown Germany (2014). Eigentlich Fußballer, Trainer und hat auch dort eine Vorliebe für Taktik. Im Jahr 2010 auf die NFL gestoßen, wobei von Anfang an klar war, dass nur ein Team für ihn in Frage kommt.