Die Causa Howard

Quelle: Jerome Miron-USA TODAY Sports

In den letzten Monaten hat sich jeder Autor von BDG auf unterschiedlichen Wegen pro Jordan Howard positioniert.  Der VorBEARicht zum Playoffspiel bietet beispielweise folgendes Zitat von mir:

„In den letzten 5 Spielen erwachte das Laufspiel zu neuem Leben. Insgesamt 399 Yards und 4 TD erzielte er in den Partien. Der Grund dafür ist keine Veränderung bei Howard, sondern eine des Konzepts.

Matt Nagy tat das, was hier seit Saisonbeginn gefordert wird (besser spät als nie) und sah von seinem „Gap“ basierten Laufspiel ab, welches einen vertikaler agierenden RB benötigt, der durch die vorher vorgesehene und von der OL bewusst geöffnete Lücke prescht.

Howard jedoch, ist ein RB, der eine Übersicht wie kaum ein anderer besitzt. Er liebt es, wie unter Fox, in einem „Zone“ Konzept zu spielen, worin er der Bewegung seiner Line folgen, das Spiel lesen und dann seine Lücke wählen kann. Loggains setzte ihn aus diesem Grund ausschließlich mit „Inside-“ und „Outside-Zone“ Läufen ein.

Nach 8 Spielen waren 58,9 Prozent von Howards Läufen innerhalb eines „Zone“ Konzepts. In den letzten 4 Spielen waren es 84 Prozent. Am letzten Spieltag gegen die Vikings stand das Verhältnis sogar bei 2:20.“

Der Februar brachte uns einen Wechsel der Szenerie, weg von der Berichterstattung über NFL Spiele hin zur Kadergestaltung. Ich stehe zwar weiterhin zu meiner Aussage, dass sich ein guter Coach meiner Meinung nach ans Spielermaterial anpassen sollte, anstatt ihnen sein eigenes System aufzuzwingen, doch lässt mich dieser Wechsel die Thematik mit mehr Abstand zu den Geschehnissen betrachten. Logisch, fiebert man doch während der Spielzeit Woche für Woche bei den Spielen mit und fühlt sich dementsprechend den agierenden Personen stärker verbunden.

Jordan Howard verdient ab der kommenden Saison nicht mehr nur eine halbe, sondern ganze zwei Millionen Dollar. Damit steht er im ligaweiten Vergleich zwar immer noch auf Platz 18, aber der Unterschied zum Großteil der vor ihm liegenden Runningbacks ist marginal. Hinzu kommt die ohnehin schwierigere Finanzsituation der Bears ab diesem Jahr.

Können, oder eher sollten, die Bears sich einen Runningback für diesen Betrag leisten, der ohnehin nicht zu den Vorstellungen des Head Coaches und Offensive Playcallers passt?

Während des NFL Combine betonte Matt Nagy nochmal, welches Anforderungsprofil ein Runningback für seine Offense erfüllen müsse:

„(You want to have a guy) that can make guys miss and, at the same time, there’s that balance of being a hybrid of being able to make things happen in the passing game too, …”

Im die Tage erscheinenden „Bears Talk“ gehen „Coach-D“ und ich auch noch einmal darauf ein, wie wenig diese Beschreibung zu Jordan Howard passt. Vergleicht einfach mal dieses Zitat mit dem Oberen von mir, indem ich Howards Fähigkeiten beschreibe.

Den Eindruck bestätigt ein weiterer Blick auf die athletischen Werte aller Chiefs Runningbacks unter Reid/Nagy (Knile Davis, Kareem Hunt, Spencer Ware, Damien Williams, Charcandrick West). Während sich die Ergebnisse der anderen Übungen stellenweise deutlich unterscheiden und es somit den Anschein macht, dass diese weniger wichtig in der Bewertung der Runningbacks waren, so ergibt sich folgendes Muster: Ein Runningback muss einen überdurchschnittlichen 10Y-Split (1,59 Sek. oder besser), Vertical Jump (35 Zoll oder besser) und Broad Jump (118 Zoll oder besser) haben.

Es ist also weniger wichtig, den berühmten 40Y-Dash schnell zu laufen, sondern vielmehr darum, einen starken Antritt und eine starke Beschleunigung zu besitzen. Tatsächlich lief Jordan Howard einen besseren 40Y-Dash, als die oben aufgezählten Chiefs Runningbacks. Doch in welchen Kategorien ist er unterlegen? Die Tests für Antritt und Beschleunigung.

In der abgelaufenen Saison hatte Jordan Howard keinen einzigen Drop und zeigte sich fangsicher. Der Unterschied, warum er als schlechterer Passempfänger angesehen wird, liegt nicht an der Fangsicherheit, sondern darin, dass die anderen Runningbacks Passrouten laufen (können). Jordan Howards Beteiligung am Passspiel ist auf die der Checkdown Option beschnitten. Die Frage, ob er mehr könnte, aber nicht gelassen wurde, lässt sich einfach beantworten. Die Bears haben Taquan Mizzell die Rolle spielen lassen. Sie ist Matt Nagy so wichtig, dass Mizzell sogar Einsatzzeit in den Playoffs bekam, doch ist er nun einmal niemand, der die Klasse besitzt, um über den Sommer hinaus in einem NFL Kader zu stehen. Dennoch musste er und nicht Howard die Rolle ausüben.

Kommen wir also zur Ausgangsfrage zurück: Können, oder eher sollten, die Bears sich einen Runningback für diesen Betrag leisten? Jordan Howard ist und bleibt ein guter Runningback. Solange man nur die Lauffähigkeit bewertet, konnte ihm in den letzten Jahren nur Ezekiel Elliot das Wasser reichen. Im System der Bears wird er jedoch weiterhin als Back für kurze Distanzen genutzt werden. In dem Bereich hatte er auch im letzten Jahr noch Erfolg und das hat natürlich auch seinen Wert.

Sollte es jedoch ein Team geben, das bereit ist einen Draft-Pick für ihn auszugeben, die in diesem Jahr bei den Bears ebenfalls rar gesät sind, dann sollten sich die Chicago Bears das Angebot jedoch genau anhören, denn auf kurze Distanzen beschränkt ist seine Rolle natürlich sehr limitiert und sein Platz im Kader könnte von jemanden eingenommen werden, der eine größere Rolle einnehmen kann.

Jordan Howard wurde im NFL Draft 2016 mit einem Fünftrunden Pick von den Bears ausgewählt und hat sich in der NFL bewährt. Dadurch wünschen sich viele Fans einen frühen Pick als Gegenleistung, doch ist die Erwartung realistisch?

In der NFL sinkt der Wert an Runningbacks, weil die letzten Jahre mit Talenten für die Position überflutet wurden und auch ein Ausblick auf die kommende Zeit lässt keine Veränderung dessen erkennen. Die letzten Runningbacks die durch Trades das Team wechselten waren: Ty Montgomery, der für einen Siebtrunden Pick von den Packers zu den Ravens ging, doch Howards Produktion nicht im Ansatz nahe kam. Carlos Hyde wechselte für einen Fünftrunden Pick von den Browns zu den Jaguars, er blieb in seinen Saisons zuvor immer knapp unter der 1000Y Marke, Der letzte im Bunde ist Jay Ajayi, der für einen Viertrunden Pick von den Dolphins zu den Eagles ging. Er kommt Jordan Howard am nächsten, so wurde er ebenfalls in der 5. Runde von den Dolphins akquiriert, ist Howard vom Fähigkeitenprofil sehr ähnlich und knackte bereits die 1200Y Marke.

Ein Dritt- oder Viertrunden Pick sollten die Bears meiner Meinung nach annehmen, so hätte man damals einen Fünftrunden Pick ausgegeben, drei Jahre wertvolle Leistungen erhalten und einen Gewinn im Pick-Geschäft gemacht. Ein Fünftrunden Pick würde zumindest den Einsatz wieder reinholen, hier müsste man sich überlegen, ob sein Wert für den Draft oder für den Gebrauch bei den kurzen Distanzen höher liegt. Es sollte jedoch nicht vergessen werden, das Jordan Howard nur noch ein Jahr Vertrag besitzt, danach werden sich die Wege ohnehin trennen, somit wäre ein Trade auch ein indirekter Tausch zweier Spieler, wovon der eine nur ein Jahr das Team verstärkt und der andere vier.

Die Chicago Bears haben Jordan Howard vieles zu verdanken, doch mit ein wenig Abstand, ist eine Trennung genauso nachvollziehbar, wie ein weiteres gemeinsames Engagement. Egal wie die Bears sich am Ende in der Causa Howard entscheiden, ich habe Verständnis für beide Wege.

janikbears
Gründer von Beardown Germany (2014). Eigentlich Fußballer, Trainer und hat auch dort eine Vorliebe für Taktik. Im Jahr 2010 auf die NFL gestoßen, wobei von Anfang an klar war, dass nur ein Team für ihn in Frage kommt.