Das neue Receiving Corps und was andere Teams von den Bears lernen können

Quelle: Pro Football Focus

Die Chicago Bears fanden sich im letzten Jahr auf dem letzten Platz in Sachen Passing Offenses wieder. Das Team erzielte magere 16,5 Punkte pro Spiel. Zur Halbzeit dieser Saison erzielen sie im Schnitt 65 Yards mehr durch die Luft und haben den fünftbesten Angriff in Punkte pro Spiel.

In einem halben Jahr wurde das Gesicht der Bears Offense generalüberholt. Fehlentscheidungen in der Kaderplanung wurden korrigiert. Das Team blickt dank seines neuen Head Coaches und eines jungen talentierten Quarterbacks in eine positive Zukunft. Nicht zuletzt auch dem Umbau des Receiving Corps durch General Manager Ryan Pace hat die Offense ihren Erfolg zu verdanken. Wir haben alle gehofft, dass hier etwas Großes heranwächst, aber so früh im Prozess haben die meisten von uns nicht mit diesem Angriffsspiel gerechnet.

Schauen wir uns einmal die Receiving Stats zur Halbzeit der letzten Saison an. Nach acht Spielen sah die Auflistung der erfolgreichsten Bears Wide Receiver des Jahres 2017 wie folgt aus:

2017
Kendall Wright

22

259

Joshua Bellamy

10

114

Dontrelle Inman

Tre McBride

4

110

Deonte Thompson

11

125

Markus Wheaton

1

9

Tanner Gentry

3

35

51

652

und im Vergleich dazu, die Zahlen der 2018er Saison:

2018
Taylor Gabriel

37

426

Allen Robinson

25

285

Anthony Miller

19

210

Kevin White

3

70

Joshua Bellamy

7

65

Javon Wims

Tanner Gentry

91

1056

Eine Steigerung um ca. 170% in beiden Kategorien im Vergleich zum Vorjahr ist mehr als bemerkenswert, ist außergewöhnlich. Woran können wir das festmachen?

Talent

Während die Neuzugänge der Chicago Bears allesamt Volltreffer sind, waren es die vorherigen Starter gewiss nicht. Gehen wir einmal durch, wo unsere letztjährigen Receiver nun gelandet sind, dann wird das klar.

Kendall Wright

Die Saisonvorbereitung absolvierte er bei den Minnesota Vikings. Dort wurde er beim 53er Roster Cut zu Saisonbeginn entlassen. Nachdem er einen Monat auf der Suche nach einem Franchise gewesen ist, verpflichteten ihn die Arizona Cardinals. Die entließen ihn nach 10 Tagen erneut. Letztes Jahr war er noch der erfolgreichste und wichtigste Wide Receiver in unseren Reihen.

Joshua Bellamy

Er befindet sich weiterhin im Kader, hauptsächlich aufgrund seiner Fähigkeiten in den Special Teams. Seitdem Bellamy aber nicht eine der größten Lasten im Receiving Corps tragen muss, sondern nur ab und an mal angeworfen wird, ist sein Spiel sicherer. Seine Fehlerquote ist auf annähernd Null zurückgegangen. Im Vorjahr hat er uns mindestens einen Sieg gekostet durch seine zahlreichen Unkonzentriertheiten und Drops. In dieser Rolle als Nummer 5 möchten wir den exzellenten Route Runner gern auf dem Feld sehen.

Dontrelle Inman

Zugegeben, zur halben Saison war er nicht einmal im Kader, sondern kam erst zur Deadline von den Los Angeles Chargers per Trade nach Chicago. Jedoch hatte er danach nur wenige positive Auftritte. Am Ende erhielten die Bears sogar ihren 7. Rundenpick zurück. Seine Leistungen überzeugten auch die restliche NFL nicht. So musste er bis zum 16. Oktober warten, bis ihn die Indianapolis Colts zu sich holten. Dort ist er momentan die Nummer 5 auf dem Depth Chart.

Tre McBride

Er wurde am 01. September von den New York Jets entlassen, nachdem diese ihn im Dezember 2017 verpflichteten. Seitdem ist er auf Jobsuche.

Deonte Thompson

Thompson ist der beste unter den letztjährigen Receivern die das Team verlassen mussten. 14 Catches bei 124 Yards ist seine bisherige Ausbeute als Nummer 5 auf dem Depth Chart der Dallas Cowboys.

Markus Wheaton

Er entpuppte sich als eines der faulsten Eier unter den Neuverpflichtungen der vergangenen Jahre unter Ryan Paces Hand. Seitdem die Philadelphia Eagles ihn am 12. September entlassen haben, hat er keinen neuen Arbeitgeber gefunden.

Tanner Gentry

Gentry ist wieder zurück im Practice Squad der Chicago Bears. In 2017 haben ihn viele als zukünftigen Heilsbringer glorifiziert. Mittlerweile sollte auch der letzte mitbekommen haben, dass er höchstens ein Mann für die Kadertiefe sein kann. Die Ansprüche in der Windy City sind eben gestiegen.

Klasse statt Masse!

Die Aufzählung könnte noch lange weiter gehen. Schließlich befanden sich 2017 abwechselnd insgesamt 19 Wide Receiver im Kader (inkl. Saisonvorbereitung). Dem gegenüber stehen in 2018 zehn Spieler. Von diesen 19 sind Joshua Bellamy und Kevin White im 53er Kader übrig geblieben.

Wer jetzt glaubt, kein Wunder bei der ganzen Kohle die das Team in die Hand genommen, dass sich das Receiving Corps verbessert hat, dem kann ich nur sagen, weit gefehlt. Im letzten Jahr kostete ein nicht an NFL Niveau heranreichendes Corps 17.342.945 US-Dollar an Spielergehälter. Die Arbeitsstunden, die Ryan Pace mit seinen Kollegen bei der Abwicklung der 19 Spieler verbraucht hat, sind da noch nicht mit eingerechnet.

In diesem Jahr geben die Bears für ein Top 10 Receiving Corps 27.001.138 US-Dollar aus und gönnen sich dabei allein 15 Millionen für Allen Robinson.

Bills, Cardinals, Jets, Cowboys, Titans, sie alle haben Gemeinsamkeiten mit den letztjährigen Bears. Alle haben einen jungen Quarterback und alle haben zu Saisonbeginn auf Masse statt Klasse gesetzt. Kendall Wright, Tre McBride und Deonte Thompson haben mehrere dieser Teams kennengelernt.

Investitonen

Die Cowboys wurden zur Trade Deadline zerrissen als sie einen Firstroundpick für Amari Cooper hergaben. Persönlich bin ich auch kein Befürworter dieses riskanten Trades, doch wer nichts wagt, der nicht gewinnt. Die Bears gaben sich letztes Jahr zur Halbzeit mit Dontrelle Inman zufrieden und es hat sie keinen Jota vorangebracht.

Im Januar 2018 hat Ryan Pace dann klargestellt, dass er die Umstrukturierung des Receiving Corps als eine der Kernaufgaben für die Offseason ansieht. Aufgrund der Vorjahres Androhung, auf den Defensive Back Positionen aufzuräumen und dass er da Wort gehalten hat, konnten wir ahnen, dass diese Offseason spannend wird.

Und so öffnete die Free Agency direkt mit einem Paukenschlag. Allen Robinson wurde für drei Jahre und 42 Mio. US-Dollar aus Jacksonville geholt. Damit nicht genug. Taylor Gabriel kam zusätzlich für vier Jahre und 26 Mio. US-Dollar von den Atlanta Falcons.

Im Draft ging Pace die Positionsgruppe nicht weniger offensiv an. Als der Bears GM in der Mitte der zweiten Runde feststellte, dass Anthony Miller, in den Augen seiner Scouts ein Erstrundentalent, immer noch auf dem Board stand, tradete Pace für ihn hoch und holte mit ihm die Zukunft auf der Slot Receiver Position. Javon Wims ist dann in der 7. Runde gedraftet worden. Er gilt als Projekt mit Potenzial zur Entwicklung.

Unterm Strich zwei Free Agents und zwei Rookies die dem Corps ein komplett neues Gesicht verleihen.

Warum nicht gleich so?

Die Antwort ist simpel. Im letzten Jahr umgarnte Ryan Pace Free Agent Wide Receiver mit Mike Glennon als Quarterback. Damit hat er keinen talentierten Spieler nach Chicago gelockt. Denn Wideouts, egal wie groß ihr Talent, benötigen einen Spielmacher, der ihnen den Ball zuwerfen kann.

Im Laufe des Jahres veränderte sich die Situation dann. Mit dem Draft von Mitch Trubisky und ersten Eindrücken, die man in der Öffentlichkeit von ihm gewinnen konnte, war das Buhlen um neue Receiver für Pace viel leichter.

In einer vergleichbaren Situation befinden sich nun die Arizona Cardinals und New York Jets. Sie haben einen talentierten Quarterback, der Platz im Salary Cap für größere Investitionen erlaubt. Gute Receiver werden gern dem Ruf in die Wüste oder dem Big Apple folgen. Ob Josh Allen in der Wahrnehmung der Passempfänger genau so einen guten Leumund genießt wie bei den Draft „Experten“, wird sich in der nächsten Free Agency zeigen.

Nur auf junge Talente im Draft setzen, wird aus zweierlei Gründen schief gehen. Selten konnte ein Rookie Wide Receiver direkt die Hauptlast der Offense im Passempfang tragen. Selbst Ausnahmetalente wie Steve Smith Sr. oder Calvin Johnson Jr. haben in ihrem ersten Jahr nicht annähernd die 1.000 Yard Marke gekratzt. Und in der nächsten Draftklasse sehen die meisten, mich eingeschlossen, zwar viele unterschiedliche Typen an Receivern mit ausgeprägtem Talent, aber keinen wirklichen Überflieger.

Ryan Pace hat Talente verpflichtet, trotz vier neuer Spieler nach der Devise Qualität statt Quantität. Ein Quarterback braucht Receiver, die sich im Eins gegen Eins lösen können. Da helfen nicht viele unterschiedliche Typen, sondern gute Spieler. Ohne Mitch Trubisky und einem offensiv ausgerichteten Head Coach mit hoher Reputation wäre ihm dieser Umbau so schnell nicht gelungen. Andere NFL Teams sollten genau hinschauen, wie die Chicago Bears und vor allem unser General Manager das in kürzester Zeit angestellt haben.

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".