Der Fan gegenüber: Bears vs Jets ’18

Quelle: Chat Sports

Die Chicago Bears treffen Sonntagabend auf die New York Jets. Vor dem Heimspiel gegen das Team aus dem „Big Apple“ hat uns der offizielle Fanclub Gang Green Germany  in einem Interview einige Fragen beantwortet, wie es um unseren nächsten Gegner steht und welche Erwartungen sie an das Spiel haben. 

Wie ist die öffentliche Meinung in „Jets Medien“ zu Sam Darnold und wie denkt ihr darüber? Kann er dieses Jahr schon großen Einfluss haben oder muss man noch ein wenig Geduld haben?

Die New Yorker Pressewelt ist ein Haifischbecken. Ein Rookie-QB, der als Messias gesehen wird, ist ein Goldfisch. Aber selbst die kritischsten Stimmen zeigen sich überraschend geduldig. Sam Darnold kommt zu Gute, dass er die meisten Fehler nur einmal macht. Jede Woche zeigt er einen Schritt vorwärts. Eine wahnsinnig schnelle Entwicklung. Dazu kommen seine Art und sein Charakter. Man scheint ihn einfach zu mögen. Anders ist es nicht zu erklären das auch die größten Schmierfinken rund um die Jets ihn entweder in Ruhe lassen (und grundlos auf andere Spieler einprügeln) oder ihn sogar immer wieder verteidigen. Natürlich hat Sam Darnold keinen 100%igen Rückhalt. Kritiker und Zweifler gibt es immer. Aber nach sieben Wochen gibt es nur noch wenige die lieber einen anderen gehabt hätten. Auch die Freunde der sit & learn-Strategie sind fast gänzlich verstummt. Sam Darnolds Skillset hätte diese Strategie auch nicht zugelassen.
Wir gehen mit der vorherrschenden Meinung, das Sam Darnold ein Star wird. Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann. Geduld ist gefragt und die wollen wir aufbringen. Auch andere große Quarterbacks hatten keinen perfekten Start.

Isaiah Crowell ist in der Meinung vieler Football Analysten eindeutig der bessere Runningback. Schließt ihr euch dieser Meinung an und wie findet ihr es, dass er so wenig Reps im Verhältnis zu Bilal Powell bekommt?

Nach der tragischen Verletzung Bilal Powells – die eventuell das Ende dessen Karriere bedeutet -, stellt sich die Frage nach dem talentierteren Running Back so nicht mehr. Dennoch soll kurz darauf eingegangen werden, bevor der Blick mehr auf Isaiah Crowell gelenkt werden wird. Zu allererst muss gesagt werden, dass beide Spieler total unterschiedliche Typen von Running Backs sind. Powell ist mehr der passfangende Running Back und einer, der Lücken finden kann, wo nur wenige diese sehen, um ein paar extra Yards – auch aus scheinbar ausweglosen Situationen – herauszuholen.  Crowell ist hingegen eher der Power Runner, der weiß eine Lücke auszunutzen, die dann aber auch deutlich da sein muss, dann aber kein Big Play unmöglich ist. Eben diese Eigenschaften führen bei Crowell dazu, dass sich überragende Spiele mit fast unsichtbaren Leistungen abwechseln. Um dies zu verdeutlichen reicht es, sich die diesjährigen Statistiken anzusehen. Hierzu habe ich zwei verschiedene Mittelwerte miteinander verglichen. Das arithmetische Mittel der Leistungen, und den Median – eine Form des Mittelwerts, die Ausreißer nach oben und nach unten auszugleichen versucht. Hierbei fällt am deutlichsten auf, wie schwankend die Leistungen Crowells sind. Betrachtet man die Rush Yards per Game, so erhält man beim arithmetischen Mittel einen Wert von 65 Yards bei einem Schnitt von 5,7 Yards pro Run. Vor allem die Yards pro Lauf stechen hierbei heraus. Schaut man sich jedoch den Median an, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Im Median erreicht Crowell 35 Rush Yards pro Spiel, bei 2,9 Yards pro Lauf. Diese Diskrepanz zeigt eindeutig, wie volatil Crowells Leistungen zur Zeit sind. Oder in anderen Worten: Crowell hatte in diesem Jahr zwei Spiele, in denen er mehr als 4 Yards pro Lauf hatte, gegen die Lions mit 10,2 Yards und gegen die Broncos mit 14,6. Hingegen hatte er bereits 4 Spiele mit weniger als 3 Yards pro Run. Schaut man sich die Gesamtyards pro Spiel an, zeigt sich zwischen dem arithmetischen Mittel und Median auch ein deutlicher Unterschied. So erzielt Crowell im Mittel 75 Yards per Game, schaut man sich jedoch den Median an, liegt dieser nur bei 47 Yards. Das sind fast 30 Yards Unterschied, bzw. eine Abweichung von 1/3. Das ist ein sehr extremer Wert. Zum Vergleich: Powell erzielt im arithmetischen Mittel 65 Yards pro Spiel, im Median sind es 64. Dies ist natürlich absurd konstant, zeigt dennoch klar die Probleme auf, die die Spielweise von Crowell mit sich bringen. Und genau hier stellen sich die elementaren Fragen für das Spiel gegen die Bears. Welchen Crowell – natürlich in Verbindung mit dem Blocking der Line – werden wir zu Gesicht bekommen? Wie wird sich seine Anzahl an Touches nach der Verletzung Crowells verändern? Als Receiving Back, gehe ich von aus, wird unserem Rookie Trenton Cannon einiges an Chancen gegeben werden, denn Crowell hat im letzten Spiel unterstrichen, dass er nicht die weichsten Hände hat. Wird Cannon für seinen Spielrythmus dann auch mehr Carries erhalten? Oder wird noch ein weiterer Running Back verpflichtet, bzw. Deangelo Henderson vom PS aktiviert? All dies sind nun spannende Fragen für das kommende (Lauf-)Spiel gegen die Bears.

Die Jets bekommen es immer wieder hin eine ordentliche Defense auf den Platz zu schicken, wie wir finden. Wie hat das Team die Abgänge von Sheldon Richardson und Mo Wilkerson verkraftet? Wer sind die neuen großen Namen in ihrer Verteidigung?

Bei Mo Wilkerson war es für die meisten Fans ein Segen, als er entlassen wurde. Nach seinem Payday im Anschluß an seinen Rookievertrag ließen seine Disziplin und Produktivität nach. Er verpasste sogar Teammeetings und das mit mehr als 10 Millionen im Jahr an Gehalt.
Die Sache sah bei Sheldon Richardson etwas anders aus, da ihn viele mochten. Aber schlussendlich hat sich der Trade als goldrichtig herausgestellt, da mit Jermaine Kearse ein solider WR und mit dem 2nd Round Pick im Endeffekt der nötige Gegenwert für den Trade Up im Draft und somit für Sam Darnold eingeholt wurde.
Die Erfahrung von Todd Bowles als Defensive Mastermind führte auch dazu, dass die D-Line schnell zu alter Stärke zurückfand. Mit Leonard Williams und Henry Anderson auf DE haben wir nachhaltig keinen qualitativen Verlust zur Wilkerson/Richardson Situation.
Wenn man neue große Namen in der Defense nennen soll, fallen einem spontan einige ein, aber an vorderster Front würden wir Safety Jamal Adams nennen. Er ist Jet mit Leib und Seele und hat es in seinem zweiten Jahr mit gerade einmal 23 Jahren geschafft, nicht nur zum Leader, sondern sogar zum Sprachrohr des gesamten Teams zu werden. Seine Leistung auf dem Platz passt dazu. In ihm sehen wir einen zukünftigen All-Pro.

Was könnte Todd Bowles für die Bears Offense bereithalten? Was kann den Bears Coaches in der Spielvorbereitung Kopfschmerzen bereiten?

Die Bowles Defense ist sehr variabel und bereitet eigentlich allen Coaches Kopfzerbrechen. Insbesondere durch Sets mit drei Safeties und exotischen Blitzen mit Kombinationen aus Zone und Man Coverage ist es schwer, gegen die Jets einen offensiven Gameplan zu erstellen. Einen Masterplan gegen eine von Todd Bowles geführte Defense gibt es nicht.
Gerade in der Redzone muss sich Matt Nagy bzw. Mark Helfrich etwas besonderes ausdenken, denn auf geringem Raum Touchdowns zu verhindern haben die Jets perfektioniert.
Auch bei den Turnovern müssen Trubisky und Co enorm aufpassen. Wenn man das Spiel letzte Woche ausklammert (Null Takeaways), lagen wir mit 15 Takeaways aus 6 Spielen ganz weit oben in der Liga.

Wie schaffen es die New York Jets die Chicago Bears zu schlagen und wie lautet dein Tipp? Als eine kleine Zugabe… Was fällt dir zu den Chicago Bears als Erstes ein und was hältst du vom (aktuellen) Team?

Um die Bears am Wochenende schlagen zu können, müssen sowohl die Offense als auch die Defense ihren Teil dazu beitragen. Spielentscheidend wird sein, dass wir Khalil Mack einigermaßen unter Kontrolle halten können, da er die Bears-Defense auf ein ganz neues Level hebt. Wir müssen ganz klassisch unser Run Game etablieren – trotz der verheerenden Verletzung von Bilal Powell – um somit die Bears-Defense zu ermüden und im Gegenzug unserer Defense wichtige Verschnaufpausen zu ermöglichen. Kurz: Die O-Line muss halten. Sowohl gegen den Pass Rush, als auch für den eigenen Run. Sam Darnold kann mit vielen kurzen high percentage throws Selbstvertrauen tanken. Es wäre toll, wenn Rookie TE Chris Herndon weiter in den Offensive Gameplan integriert wird. Er könnte sich zum idealen Safety Blanket für Darnold entwickeln – for years to come. Ab und an sollte man weiterhin einen tiefen Pass auf Robby Anderson einstreuen, der seine Gegenspieler konstant bei tiefen Routen schlägt. Es bleibt abzuwarten, wie schnell der kürzlich verpflichtete WR Rishard Matthews in die Offense einbezogen wird – bis zum Ende der Saison sollte er sich mehr und mehr zu einer Veteran-Anspielstation für Darnold entwickeln. Alles in allem muss die Offense im Vergleich zum Spiel gegen die Vikings nicht nur einen, sondern mehrere Zähne zulegen und mehr Punkte auf’s Scoreboard zaubern. Defensiv müssen die Jets primär viel Man Coverage spielen, da diese eine der großen Schwächen von Bears‘ QB Mitch Trubisky ist. Leonard Williams, Henry Anderson und die OLBs (wie Brandon Copeland) müssen konstant Druck auf Trubisky ausüben. Steve McLendon und Nathan Shepherd müssen versuchen, Jordan Howard so gut es geht zu neutralisieren. Unsere MLBs Lee und Williamson müssen das kurze Pass Game aus dem Backfield über Tarik Cohen versuchen zu unterbinden. Deep Threat und Big Play Maschine Taylor Gabriel muss an der Line of Scrimmage „gepressed“ werden und seine Route immer durch einen Safety on top gesichert werden. Letztendlich muss unsere Defense wieder an die ersten sechs Wochen der Saison anknüpfen und Turnovers erzwingen. Sollten wir den Turnover Battle für uns entscheiden, steigen die Chancen immens, dieses Spiel zu gewinnen. Prinzipiell ist es schwer einzuschätzen, welchen Ausgang dieses Matchup haben wird. Nichtsdestotrotz tippe ich eher auf einen Sieg der Bears, da sie zuhause spielen und die Jets momentan buchstäblich vom Verletzungspech verfolgt werden. Man muss natürlich erst den finalen Injury Report abwarten, aber potentielle Ausfälle werden für uns nur schwer zu kompensieren sein. Wie schon in der vergangenen Woche kann es auch gegen die Bears zu einem Kräfteschwund und Auflösungserscheinungen in Hälfte 2 kommen, wobei ich tatsächlich die Vikings für den all around besseren Gegner halte. Ich vermute, dass die Offense erneut Schwierigkeiten haben wird – Sam wird regelmäßig under pressure sein, unser Run Game wird wohl inconsistent sein und neue Spieler wie Matthews oder auch unerfahrene Spieler, die durch die zahlreichen Verletzungen Playing Time erhalten, müssen sich erst in die Mannschaft einfinden. Ich freue mich trotz allem sehr darauf etwas mehr von Rookie RB Trenton Cannon zu sehen, der als Change of Pace RB eine interessante Alternative zum (ebenfalls angeschlagenen) Crowell bietet. Die Bears-Defense hat mit Khalil Mack einen der Top 3 Defensive Players der Liga. Mit einem gesunden Mack gehört diese Defense zu den Top Verteidigungsunits der Liga – und es besteht immer noch Luft nach oben. Einzig Mitch Trubisky ist meiner Meinung nach ein ziemlicher Schwachpunkt. Er wird wohl nie über den Status eines durchschnittlichen Game Managers hinauskommen. Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Bears in den kommenden Jahren ein regelmäßiger Playoff-Teilnehmer sein werden – das volle Potential, dass durch die dominante Defense besteht, lässt sich aber nie vollständig ausschöpfen, weil Trubisky durch seine Limitations das Team auf Dauer in seiner Entwicklung „zurückhält“. Man denke an die momentane Situation eines Blake Bortles in Jacksonville… Bis dahin ist es jedoch noch lange hin und jetzt freue ich mich erstmal auf den nächsten Gameday. Jets vs. Bears, October 28th. Mein Tipp: Jets 17. Bears 24.

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".