VorBEARicht: Bears vs Patriots ’18

Quelle: The 300s

Die New England Patriots haben sich auf die Reise in die Windy City gemacht. Die Bears treffen damit auf das beste Team der letzten 18 Jahre. Gegen Tom Brady konnten sie noch kein einziges Spiel gewinnen. Die Chance dies endlich zu ändern, war lang nicht mehr so groß wie in diesem Jahr.

Beide Teams haben vergangene Woche enge umkämpfte Spiele geführt. Die Ausgänge konnten dennoch unterschiedlicher nicht sein. Während die Patriots gegen Kansas City mit 43-40 gewannen, mussten die Bears sich zum Schluss mit einer enttäuschenden Overtime-Niederlage anfreunden.

Wir alle wissen, dass unsere Defense es besser kann als letzte Woche, daher werde ich im VorBEARicht auch keinen Zweifel an der tatsächlichen Qualität aufkommen lassen. Wie bereits gesagt, jeder hat in der Saison ein schwaches Spiel, bei den Bears hat sich aber gleich die gesamte Verteidigung eine Auszeit gegönnt. Ob und wie das junge Team gegen den erfahrenen Titelanwärter aus Massachusetts mithalten kann, darum soll es nun gehen.

Offense

Mitch Trubisky vervollständigte letzte Woche in Miami über 70% seiner Pässe. Die neuformierte Offense von Head Coach Matt Nagy kommt immer besser in Fahrt. Das in seinem Angriff so wichtige Timing wird immer besser und das Vertrauen in die Offensive Line und die eigenen Stärken von Spiel zu Spiel größer. Nun führt unser junger Quarterback sein Team gegen eine Defense auf das Feld, die sich, von den Namen her zunächst, sicherlich nicht als die schwerste zu bespielende in der bisherigen Saison anhört. Doch Vorsicht! Bill Bellichick versteht es wie kein anderer Defense Coach, das Nr.1 Ziel und den Matchplan des Gegners auszumachen und zu vereiteln. Dafür braucht er keine großen Namen sondern großartiges Play Calling und eine nahezu perfekte Einstellung auf den Gegner. Bellichick hat bisher fast jeder Offense die Maske vom Gesicht gezogen und versteht sich darauf, junge Quarterbacks in ihre Schranken zu weisen.

Jedoch frage ich mich, wie er in dieser vielseitigen und kreativen Offense den Matchplan und das Hauptziel ausmachen will. Im letzten Jahr ist ihm das gegen Kansas City und den Game Plan von Matt Nagy und Andy Reid nicht gelungen. Da setzte es nämlich direkt am ersten Spieltag eine krachende Niederlage.

Lange Pässe auf die Außenbahn zu Gabriel sind wahrscheinlich gegen die Patriots nicht das richtige Mittel. Stephon Gilmore ist einer der wenigen Cornerbacks der den Game Speed von Taylor Gabriel mitgehen kann und die nötigen Fanghände besitzt, um diese Bälle dann auch herunterzuholen. Generell ist New England in der Tiefe des Raums schwer zu schlagen. In jedem bisherigen Saisonspielen pickten sie mindestens eine Interception.

Auch wenn die Verbindung zum tief laufenden Gabriel schön anzusehen ist, liegt die Stärke der Bears eh auf den mittleren und kurzen Ebenen des Passing Games. Da ist eben jener Gilmore anfällig. Breit gefächerte Routen ihrer „Spread Coast Offense“ werden die Verteidiger isolieren. Eine hohe Passgenauigkeit wird erneut von Trubisky verlangt werden müssen. Dann kann er Trey Burton und Allen Robinson in ihren Matchups den nötigen Vorteil geben und sie „offen“ werfen. Comebacks und Curls, Flats und Outs, sowie Screen Pässe sind allesamt probate Pass Routen für dieses Spiel. Wenn Robinson spielt (Questionable mit Sportlerleiste), dann werden wir ihn häufiger in der Slot antreffen.

Viele Schwachstellen konnten die Patriots bisher schematisch kaschieren. Ihr Pass Rush ist effektiver als anzunehmen. Adrian Clayborn schaffte zwar noch keinen einzigen Sack, kam aber schon achtmal zum gegnerischen Quarterback durch und forcierte den überhasteten Wurf. Ein Problem, dass sie aber nicht gelöst bekommen, ist seine Laufverteidigung. Über seine Seite erzielt der Gegner bei Outside Runs fast 8yds pro Lauf. Damit ist er der fünftschlechteste Defensive Line Starter ligaweit. Er nimmt den Kopf zu früh herunter. Laufspielzüge bemerkt er erst, wenn es zu spät ist.

Dies müssen die Bears ausnutzen. Einmal mit überdurchschnittlich vielen Läufen über Left Tackle Charles Leno und dann über kurze Pässe hinter den Raum von Clayborn nach Play Action. Denn die Patriots wissen natürlich um ihre Schwäche und setzen daher häufig Kyle van Noy ein. Der soll die Läufe antizipieren und auf Clayborns Seite abräumen. Entweder können sie so van Noy einfrieren und Outside Runs über links kreieren oder ihn täuschen und einfache Pässe in seine freie Zone spielen.

Key Matchups: Charles Leno und das Runningback-Tandem Howard/Cohen gegen Adrian Clayborn und Kyle van Noy

Defense

Wir sehen schon, mit der richtigen Abstimmung wird es nicht die Schwierigkeit gegen die Patriots zu Punkten zu kommen. Der Schlüssel zum Sieg liegt aber in Tom Bradys Händen. Nur wenn die Bears Defense ihm diesen entreißen kann, haben sie eine Chance.

Viel wird derzeit mal wieder über die geniale Kombination vom zukünftigen Hall of Fame Quarterback auf Rob Gronkowski geredet. Aber wenn ihr mich fragt, liegen in diesem Spiel die entscheidenden Matchups woanders. „Gronk“ hat nicht mehr die Athletik vergangener Tage. Zwar ist er weiterhin ein sicheres Ziel für Brady und so wie die Offense es gern called auch offen, aber in diesem Spiel wird ihm das weniger gelingen. Bereits in den Vorwochen haben die Übergaben zwischen Linebacker Danny Trevathan und Strong Safety Adrian Amos exzellent funktioniert. Da wird der Patriots Tight End, der in der Red Zone trotzdem eine große Gefahr bleibt, wenig Luft zum Atmen bekommen.

Denn die Bears hatten in den letzten Wochen ihre Schwierigkeiten in der Verteidigung von Screens und letzte Woche auch mit kurzen Pässen durch die Mitte. Zunächst muss daher Rookie Linebacker Roquan Smith wieder seine Zonen schließen und mit Nickelback Bryce Callahan, sofern dieser fit ist (im letzten Training hat er sich am Sprunggelenk verletzt), die kurzen Zonen gegen Julian Edelman verteidigen. Fehlt Callahan oder kann Smith dies nicht umsetzen, wird das ein langer Tag und die Patriots werden kaum zu stoppen sein. Gelegentliche Screens auf James White tuen dann ihr übriges, da unsere Cornerbacks und Safety Eddie Jackson immer für den tiefen Ball gewappnet sein müssen.

Mit Josh Gordon und Chris Hogan hat New England das wahrscheinlich beste Deep Threat Duo des Landes in der Startelf. Jedoch sind die Bears Defensive Backs in Sachen lange Pässe in diesem Jahr wirklich schwer zu überlisten. Einmal besticht dort die individuelle Qualität von Amukamara, Jackson und Fuller und zum Anderen ist da ja noch unser gefürchteter Pass Rush. Der Schlüssel liegt also in der engen und kurzen Zonenverteidigung. Denn wenn Brady dort seine Receiver regelmäßig antrifft, helfen keine DBs und auch kein Pass Rush.

Der Bears 4-Man Pass Rush ist effektiv. Obwohl man in der letzten Woche kaum etwas zustande brachte, sacken die Mannen unserer Front Seven statistisch den gegnerischen Quarterback immer noch bei jedem zehnten Passversuch. Jetzt ist Heimspiel im Soldier Field und Khalil Mack, Akiem Hicks und Co. sind hoch motiviert, ihre Scharte vom letzten Mal auszuwetzen. Mack laboriert zwar an einer Sprunggelenksverletzung, aber er wird spielen. Wahrscheinlich werden die Coaches seine Snapzahl ein wenig reduzieren. Aber bisher ist Chicago immer gefährlich geblieben, wenn Aaron Lynch auf dem Feld stand. Auch der hat schon zwei Sacks bei einer Interception.

Irgendwie ist es den Patriots gelungen, der Offensive Line, zumindest auf den Tackle Positionen den nötigen Halt zu geben. Jedoch täuscht das nicht darüber hinweg, dass die Guards Joe Thuney und Shaq Mason weiterhin Probleme haben. Und nun erwartet diese ein Akiem Hicks, der letzte Woche äußerst unzufrieden war, ob seiner Leistung und nun gegen sein altes Team spielt. Wut und Motivation sind eine gefährliche Mischung im American Football. Wir können viel Druck und Penetration von ihm erwarten, jedoch auch Momente, in denen er überpaced.

Mack und Lynch stehen abwechselnd Right Tackle LaAdrian Waddle gegenüber stehen. Der Swing Tackle stand bereits in Woche 2 aufgrund der Verletzung von Marcus Cannon im Aufgebot und muss aufgrund der Gehirnerschütterung von Cannon wieder ran. Der Bears Pass Rush durfte in diesem Jahr bereits gegen Germain Ifedi spielen, aber dieses Matchup wird noch leichter für unseren All-Pro Khalil.

Bleibt den Patriots zu Guter letzt das Laufspiel. Neben den kurzen Screens und Options Routen auf Edelman, White und Sony Michel, wird New England hier ihr Heil suchen. Und da haben sie sich enorm verbessert. Ich ziehe meinen Hut vor der Flexibilität des Coaching Staffs. Aufgrund der angespannten Personalsituation in der Offensive Line, stellte man in den vergangenen Jahren sein Laufspiel von Zonenbasiert auf ein reines Power Run Scheme um. Dies erleichtert die Aufgaben der Spieler, verlangt aber mehr Kraft (Power) und das bringen die zuvor in diesem Artikel gescholtenen Thuney und Mason mit.

Ich weiß, dass viele Leute das nicht aufregend finden, aber ein Offensive Line Nerd, wie ich, liebt dieses Play Design. Zwei Tight Ends im Run Blocking und dahinter Fullback James Develin, der eine Menge Snaps in dieser Offense sieht. Sony Michel kann hinter den Pulling Guards und seinem Fullback herlaufen und im richtigen Moment ausbrechen. Das erleichtert zusätzlich das Play Action Spiel von Tom Brady, da die gegnerische Defensive Line disziplinierter gegen den Lauf spielen muss, jedoch nimmt es Gronkowski auch bei vielen Spielzügen aus dem Passing Game.

Gegnerische Teams können auf diese fast vergessene Spielweise eine Antwort finden. Man stellt einen Linebacker auf, der ähnlich wie der Runningback das richtige Gap finden muss und ihn dann tacklet. Daher können wir aufgrund der Matchups festhalten. Entweder erleben die Bears an diesem Wochenende das Coming Out von Roquan Smith oder die Patriots Offense zerlegt unsere schwer zu bespielende Defense mit Play Action und Power Run. Fällt Callahan zur Unterstützung aus, wird es verdammt schwer für sie.

Key Matchups: Roquan Smith gegen Julian Edelman und das Patriots Power Laufspiel

Fazit

Dieses Spiel wird erneut für beide Teams ein eng geführter Kampf. Den positiven Ausgang entscheiden die Schlüssel Matchups. Können die Bears das Laufspiel und die kurzen Pass Zonen im Zaum halten, könnten sie am Ende der glückliche Sieger sein. Aber es wird, nicht zuletzt aufgrund des drohenden Ausfalls von Bryce Callahan, ein schwieriges Unterfangen. Denn die Patriots sind ein perfekt gecoachetes Team und haben mit Tom Brady einen Quarterback in den eigenen Reihen, der am Ende so oft den kleinen aber feinen Unterschied ausgemacht hat.

Aber der junge Spielmacher Mitch Trubisky hat Heimvorteil. Und das Soldier Field wird brennen. Keine Eintrittskarte konnte vor dem Spiel für weniger als umgerechnet 308 Euro gekauft werden (Schwarzmarkt-Preise sind sicherlich noch deutlich höher), so hoch war die Nachfrage. Wie bereits vor dem ersten Spieltag gesagt, das Chicagoer Publikum hat ein gutes Gespür für gute Sportteams, und diese Chicago Bears sind eines. Selbst wenn die Patriots am Wochenende noch eine Nummer zu groß für das auf wichtigen Positionen unerfahrene Team sein könnten. Mit ihnen ist im weiteren Saisonverlauf zu rechnen. Die Playoffs sind selbst bei einer Niederlage drin.

Sollten die Bears gewinnen, spreche ich von einem „Signature Win“. Wer sich nach der defensiv schlechtesten Leistung der Saison mit einem Sieg gegen den Seriensieger aus Neuengland zurückmeldet, über den muss man reden, wenn es um die Super Bowl Diskussion geht.

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".