Das Gelbe vom Ei – 01/18

Photo @elliipirelli (Instagram)

Vor euch seht ihr die Premiere der BDG-Kolumne vom Autoren „philippgd“. Wir lesen und hören immer viel über die offensichtlichen Themen rund um das fliegende braune Leder. Hier soll es jedoch um die Feinheiten gehen. Denn ohne das Gelbe ist ein Ei doch nur ein langweiliger Snack zum Frühstück.

Aus den ersten Spielen der Chicago Bears haben unsere kommenden Gegner eines gelernt. Wenn sie Mitch Trubisky eine saubere Pocket geben, dann ist er nicht zu schlagen. Daher werden sie blitzen was das Zeug hält und ihn versuchen unter Druck zu setzen. Denn das bleibt in seinem Spiel die Achillesverse. Green Bay hat es vorgemacht.

Bei dieser Offensive Line müssen sie das aber erstmal hinbekommen. Von Woche zu Woche erlauben die „Fat Five“ weniger Druck. Jetzt heißen die nächsten Gegner Miami und New England. Beide haben es in diesem Jahr nicht hinbekommen, konstant und effektiv Druck auf den gegnerischen Quarterback zu erzeugen. Die Jets und Bills haben in diesem wichtigen Kriterium des Spiels auch nicht überzeugt, jedoch könnte sich das bis wir auf sie treffen noch ergeben. Im November zählt es dann. Denn Minnesota und zweimal Detroit werden die Offensive Line testen.

Jetzt werden wir auch noch James Daniels als Starter sehen. Im letzten Spiel sah er bereits annähernd die Hälfte der Snaps und spielte fehlerfrei, sorgte für entscheidende Blocks bei 3rd Down Conversions, startete mit einem Pancake Block direkt in seinem dritten Play! Er hat Eric Kush verdrängt. Nicht weil dieser schwach gespielt hat, sondern weil der Rookie noch besser war und eh der Plan für die Zukunft ist.

Die Zukunft von der hier die Rede sein soll, ist Jetzt! Auf diese Draftklasse werden wir vielleicht irgendwann zurückblicken als die beste aller Zeiten. Roquan Smith sieht gut aus. James Daniels spielte wie ein erfahrener Starter, obwohl er vor drei Wochen 21 Jahre alt geworden ist. Anthony Miller hat die Einstellung eines Nr.1 Receivers und hat seine Ansprüche vor der Verletzung mehr als angedeutet. Hoffen wir, dass er bald zurück ist.

Joel „Iggy“ Iyiegbuniwe ist der „Next Man Up“. Nach dem Saisonaus von Sam Acho dürfen wir gespannt auf ihn sein. In den Special Teams kann er mit seiner Athletik früh in seiner Karriere auftrumpfen. Bilal Nicholls ist der nächste Fünftrundenpick von Ryan Pace. In Runde 5 holte unser GM bereits Jordan Howard und Adrian Amos. Das kann sich sehen lassen. Nicholls schneidet durch die gegnerischen Offensive Lines und Tackled den Ballführer für Raumverlust als wäre es nichts. Kylie Fitts und Javon Wims zeigten in der Preseason gute Ansätze. Warten wir ab, wofür es für die Beiden reicht. Aber auch ohne sie, ist die Klasse herausragend.

Roquan Smith erfüllt noch nicht die hohen Erwartungen. Viele erwarten von ihm nichts anderes als die Ernennung zum Defensive Rookie des Jahres. Doch fehlende Vorbereitung und eine kleinere Verletzung behinderten seinen Einstand. Er spielt bereits gut und macht wenig Fehler. Allein mit seiner Quickness und seinen Instinkten macht er schon wichtige Plays. Wenn jetzt noch ein höheres Verständnis für das Spiel hinzukommt, ist der Horizont nach oben komplett offen.

Kommen wir zu den Dingen in unserer exzellenten Defense, die nicht sofort ins Auge stechen. Leonard Floyd muss nicht blitzen. Wir Fans sollten aufhören ihn nur nach den Box Scores zu bewerten. Floyd ist so viel mehr als ein Pass Rusher und jetzt kann er das auch endlich zeigen. Auf seiner Seite erlaubt er maximal 5 Yds pro Pass bei einer Completion Rate von unter 70%. Laufen die Gegner über ihn, dann schaffen sie momentan gerade einmal 2.8 Yds pro Versuch. Einer der am meisten vernachlässigten Aspekte der neuen Bears Defense ist, dass sie in der Regel nur mit vier Verteidigern rushen und so die Räume dahinter eng verteidigen können. Gute Quarterbacks antworten gegen einen gefährlichen Pass Rush mit kurzen schnellen Checkdowns. Wenn da aber auch alles zugestellt ist, hat man eine der besten Defenses des Landes. Vor allem wenn jemand wie Leonard diese Räume covert.

Jon Gruden ist ein Trottel. Khalil Mack ist der beste Pass Rusher in der NFL. In jedem Spiel mindestens einen Sack und einen Forced Fumble zu erzielen, verdient größten Respekt. Hinzu macht er jeden Bears Verteidiger mental wie physisch besser. Und statistisch kam er im Laufe einer Saison in der Vergangenheit erst so richtig in Fahrt. Wenn da noch mehr geht, dann her damit. Jon Gruden kann ja weiter nach einem guten Pass Rusher suchen. Währenddessen können sich Mack und Akiem Hicks weiter um die Sack Krone battlen.

Die Bears rollen und unsere Divisiongegner stolpern. Vor der Saison wurde die Vikings Defense hochgelobt. Diesen Ansprüchen wird sie derzeit nicht gerecht. Linval Jospeh kann die Mitte nicht zumachen gegen den Lauf. Die Secondary sieht bei weniger Pass Rush nur noch durchschnittlich aus. Trotz großartigem Talent auf allen Positionen bekommen sie es momentan nicht hin. Everson Griffen fehlt nicht nur auf dem Platz. Doppelt so viele Sacks in den ersten beiden Wochen vor seinem Ausfall sprechen Bände. Doch die Umstände seines Ausfalls dürften auch mentale Probleme für das ganze Team nach sich ziehen.

Die Packers haben Rodgers. Wäre er nicht gewesen, stünden die Bears jetzt sogar 4-0. Sie wussten noch in keinem Spiel als Team zu überzeugen. Da nehm ich die Buffalo Bills heraus. Die sind in diesem Jahr kein Gegner (Hallo Vikings!). Unterm Strich sind die Chicago Bears derzeit das beste Team der NFC North. Wenn Green Bay und Minnesota nicht in Fahrt kommen, wird das auch so bleiben. Die Lions müssen wir in diesem Jahr wohl nicht mitzählen. Doch die Spiele, vor allem in Detroit, sind für unser Team immer hart umkämpft und noch nicht gewonnen.

Mit den zweitmeisten Interceptions der Liga genügt den Bears eine durchschnittliche Offense. Den Unterschied gegenüber den Vorjahren, in denen das Team nach 16 Spielen auf die selbe Zahl an abgefangenen Pässen kam wie es jetzt schon nach vier Spielen hat, ist der konstante Pass Rush. Prince Amukamara kommt bald wieder zurück auf das Feld. Da sind die nächsten Picks für diese Defense vorprogrammiert. Diese Verteidigung ist Chicagos würdig.

Allen Robinson ist ein Nr. 1 Receiver. Es scheint endlich zu klicken zwischen ihm und unserem Quarterback. Trubisky traut ihm Contested Catches zu und wirft ihn auch in kleine Fenster an. Er wird, so wie Nagy die Bälle verteilt, kein 1.000 yds Receiver. Aber er kann in engen Spielen den Unterschied ausmachen. Ein sicheres und stets anspielbares Ziel war es vor allem, was unserem jungen Quarterback im letzten Jahr gefehlt hat.

Nicht nur die Draftklasse, auch die Free Agency hat gesessen. Taylor Gabriel, Trey Burton, Allen Robinson und auch Aaron Lynch haben die hohen Erwartungen bisher erfüllt. Unter dem neuen Coach lässt sich eine klare Handschrift erkennen. Die Neuverpflichtungen passen ins System und sind allesamt Teamplayer. So wünschen wir uns das. Noch dazu wurde niemand im Bieterwettstreit mit anderen Teams überbezahlt.

Ich wollte Mitch Trubisky und Khalil Mack so gut es geht in dieser Kolumne außen vorlassen, was mir so ziemlich gelungen ist. Über beide sprechen wir in VorBEARichten und Zugaben! zur genüge. Entscheidende Faktoren finden sich nämlich auch woanders und finden meistens weniger Aufmerksamkeit. So die kreative Art und Weise, mit der unsere Offense momentan über das Feld geht. Drei First Drive Touchdowns zeigen, dass sich der Gegner nicht auf unseren Angriff vorbereiten kann. Schemes wechseln von Woche zu Woche. Ist in einer Woche Jordan Howard Dreh- und Angelpunkt, sind eine Woche später Fantasy Owner enttäuscht. Das Team vertraut seinem Quarterback. So jubelte Tarik Cohen beim Touchdown von Bellamy bereits bevor Trubisky den Ball überhaupt in seine Richtung geworfen hat.

Etwas brennt mir zum Schluss noch auf der Seele, werte Bears Fans: „Man soll nicht alles glauben was im Internet steht!“ (Zit. Abraham Lincoln) Dieses ominöse Bild aus dem ersten Spiel das umging, hat mich wirklich verärgert. Da wird in einem Redzone Play von Trubisky einfach mal die Pausetaste gedrückt und gezeigt, wie offen Burton gewesen ist.

Janikbears hat das vor kurzem einmal auf seinem Twitter Account herausgestellt. Schaut euch an, wie weit im oberen Bild der Verteidiger entfernt ist und wie nah Amukamara nun ist, bei seinem Pick Six gegen Seattle.

Bears Fans aus der ganzen Welt scheinen sich nie zufrieden geben zu können. Selbst in den glorreichen 80ern hallte immer wieder der Ruf: „Ja, aber sie hätten mit mehr Punkten gewinnen können!“ Wie absurd.

Seit Jahren wünsche ich mir, dass die Chicago Bears im Dezember noch in der Playoff Diskussion sind. Dies können wir jetzt schon feststellen. Was darüber hinausgeht entscheidet sich in den nächsten zwei Monaten davor. Zunächst gilt es nach der AFC North Meisterschaft in 2017 nun auch die inoffizielle AFC East Krone zu gewinnen. Dann spielen wir gleich dreimal gegen die eigenen Divisionsgegner im November. Beardown!

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".