VorBEARicht: Bears vs Seahawks ’18

Quelle: Sports Illustrated

Seit der Saison 2011 konnten die Chicago Bears die Seattle Seahawks weder auswärts noch daheim im Soldier Field in drei Aufeinandertreffen besiegen. Zuletzt setzte es sogar einen 0-26 Sweep. Insgesamt führt das Team aus dem Nordwesten die Serie mit 11-6 und zählt damit zu den wenigen Teams, gegen die unsere Monsters of the Midway einen negativen All-Time Record haben. Damit wird es Zeit die Statistik im Monday Night Game aufzuhübschen. Unter geänderten Vorzeichen gehen die Bears nämlich erstmalig seit 2011 als Favorit in das Spiel.

Nach einem Schlag in die Weichteile am letzten Sonntag von Aaron Rodgers und seinen Packers ist es nun Zeit den Hebel umzulegen. Ein Team mit Playoff Ansprüchen darf nicht 0-2 in eine Saison starten und es wäre außerdem der beste Weg, das Ziehen in der Leistengegend endlich zu vergessen. Was gibt es über den Gegner zu wissen und wie sollten sich das Team und die Coaches einstellen?

Defense

Die Bears stellen ihre Linebacker ähnlich auf, wie der letzte Gegner der Seahawks, die Denver Broncos. Als Blaupause sollte das Spiel dennoch für keinen der beiden gelten. Seattle hat verloren und die Broncos ließen gegen eine schwache Offense dennoch 24 Punkte zu.

Star Quarterback Russell Wilson muss die nächsten Wochen auf Doug Baldwin verzichten. Im Receiving Game muss er sich daher auf Ex-Bear Brandon Marshall und Tyler Lockett verlassen. Offensive Coordinator Brian Schottenheimer will aber ebenfalls seine Runningbacks einbeziehen und zückte am vergangenen Spieltag ein unbekanntes Ass aus dem Ärmel mit Tight End Will Dissly. Sein beliebter Plan ist es, das Spiel über den Lauf und kurze Pässe auf die Runningbacks in die Breite zu ziehen. Sobald die Linebacker sich weiter Außen positionieren, will er dann durch die Mitte zuschlagen. Gegen Denver hat das relativ gut funktioniert. Damit ist es umso wichtiger, dass Roquan Smith nun mehr Snaps spielen kann. Im Gegensatz zu Nick Kwiatkowski hat Smith den Sideline-to-Sideline Speed um das ganze Feld zu covern. Outside Runs und Screen Pässe sollten ihm besonders liegen.

Marshall wird in Kyle Fuller ein Alptraum Matchup erleben. Unser bestbezahltester Cornerback spielt bevorzugt gegen Possession Receiver, die hauptsächlich mit ihrer Physis die Pässe erkämpfen wollen. Bears Fans werden sich an Brandon erinnern und wissen, dass er damals zu den besten Passempfängern der NFL zählte und sehr Facettenreich auftrumpfte. Doch mittlerweile ist er 34 Jahre alt und nach diversen Verletzungen längst nicht mehr der explosive Game Changer. Fuller sollte ihn also ausschalten.

Daher wird Seattle versuchen ihm häufiger das Matchup mit Tyler Lockett aufzuzwingen. Der ist viel schneller und die Seahawks haben letzte Woche gesehen, dass Kyle damit so seine Probleme bekommt. Eddie Jackson sollte jederzeit darauf gefasst sein, dass Lockett in die Tiefe des Raums schießt. Wilson hat den Arm dafür und kann mit seinen schnellen Beinen die Spielzüge so weit verlängern, dass Lockett seinen unmittelbaren Gegenspieler abschütteln kann. Wenn Jackson darauf gefasst ist, könnte es Interceptions hageln. Eddie wartet mit seinem hohen Game Speed nur darauf, dass Wilson den tiefen Schuss versucht und muss nicht, wie in der Vorwoche, einen weiteren schnellen Receiver fürchten. Wenn nicht, erlebt Lockett einen grandiosen Tag und Kyle Fuller steht nächste Woche medial in der Kritik.

Bleibt Tight End Will Dissly. Schottenheimer hat das am letzten Wochenende wirklich gut gelöst. Dissly ist ein rein physischer Blocker, der sich in der Coverage nur mit seinem Körper vom Verteidiger lösen kann.

Er wusste, dass die Offensive Line dem Pass Rush der Broncos nicht standhalten kann und nahm mit seinem Tight End einen der beiden Designated Pass Rusher aus dem Spiel. Die Bears sollten daraus gelernt haben und nicht denselben Fehler machen.

Vielmehr müssen sich Trevathan und Amos den Gegenspieler teilen. Geht Dissly kurz, hat er mit Danny ein physisches Matchup, was man erstmal gewinnen muss. In der Tiefe wartet dann Adrian „Ambos“ Amos. In der Split Coverage müssen die Übergaben der beiden erfahrenen Bears Verteidiger reibungslos ablaufen.

Dann haben die Bears jeweils zwei Linebacker und die gefährliche Defensive Line im Pass Rush gegen Russell Wilson. Die Offensive Line wird sich breit aufstellen müssen, um dem Druck von Außen mit schwächeren Spielern standhalten zu können und damit man Wilson die Möglichkeit gibt, aus der Box auszubrechen. Dies erlaubt Hicks durch die Mitte schnell vorzupreschen. Khalil Mack macht sein erstes Spiel im Soldier Field und trifft den ganzen Abend auf Germain „False-Start“ Ifedi. Ein besseres Matchup zum Einstand kann er sich kaum wünschen.

Klingt alles ganz simpel für die Bears Defense. Das Laufspiel ist keine Gefahr für ihre schnellen Linebacker und im Passing Game sind sie limitiert. Jedoch müssen sie immer darauf gefasst sein, dass Wilson wieder ein Kunststück aus dem Hut zaubert. Die Seahawks haben mit relativ wenig Aufwand ihre 24 Punkte erzielt. Zum einen aufgrund der guten Field Positions dank der kreierten Interceptions ihrer eigenen Defense und zum anderen wegen der gefürchteten tiefen Pässe ihres Spielmachers. Obwohl er sechsmal gesacked wurde. Gerade, wenn die Seahawks ihre Spielweise in der fortlaufenden Begegnung verändern, muss Coordinator Vic Fangio mit seiner Erfahrung die richtigen Anpassungen vornehmen, damit das Spiel nicht erneut aus dem Ruder läuft, wie in der Vorwoche. Wenn Mack über die rechte Seite der Seahawks O-Line durchkommt, muss Floyd auf der anderen Seite immer den Fluchtweg von Wilson abschneiden.

Key Matchups: Kyle Fuller gegen Tyler Lockett/Brandon Marshall und Khalil Mack gegen Germain Ifedi

Offense

Mitch und Coach Nagy müssen antworten finden. Ohne ihn so früh in der Saison bereits anzählen zu wollen, aber in der letzten Woche sah der junge Quarterback nervös aus. Er misstraute seiner Protection, verließ ungestüm und zu früh die Pocket und warf zwar sehr genaue Pässe, verließ sich aber selten auf die Fähigkeiten seiner Receiver und entschied sich zu häufig auf die Sicherheitsvariante.

So entstehen Sacks, obwohl die Line überhaupt keinen Druck zugelassen hat. Die Offensive Line spielt das perfekt aus. Selbst als Mike Daniels droht über die Mitte durchzubrechen, hätte Whitehair ihn erneut aufnehmen können. Das wird nur schwierig, wenn Trubisky in dem Moment schon neben ihm ist.

In der nächsten Szene muss Mitch einfach nur stehen bleiben. Seine Tackle erledigen ihre Aufgabe. Massie erlaubt statistisch den Sack. Doch positioniert er sich für einen Quarterback, der tief in der Pocket bleibt, genau richtig. Leno hätte derweil Linsley einfach hinter ihm lang eskortiert. Den Late Hit, den Rodgers sicherlich bekommen hätte, ignorieren wir an dieser Stelle einmal geflissentlich.

Natürlich muss sich Trubisky daran gewöhnen. Sein Support, ob am College oder in seiner Rookie Saison in Form seines Receiving Corps, waren alles andere als von hoher Qualität. Doch nun hat er mit Allen Robinson einen der besten Receiver, wenn es um 50/50 Pässe geht. Ein Play reicht aus, damit der Knoten platzt. Aber dazu muss unser Quarterback ihm mehr vertrauen. Aufgrund der wenigen Spielzeit von Robinson im Training sind die beiden noch nicht auf einer Wellenlänge. Aber am Montag ist die Gelegenheit dazu. Die Seahawks Cornerbacks waren in Woche 1 alles andere als sicher. Broncos Quarterback Case Keenum schritt mit vielen kurzen Pässen über das Feld und hatte massig Zeit dafür. Dem Pass Rush der Seahawks fehlte es an Qualität und jedweder Kreativität. Bei nicht einmal 13% ihrer Snaps konnten sie Druck auf Keenum erzeugen. Wenn Trubisky seiner Line vertraut, dürfte er regelmäßig in einer sauberen Pocket stehen und kann mit seinem passgenauen Arm die Bälle verteilen. Auf die beiden Safeties sollte er dabei allerdings aufpassen. Earl Thomas und Bradley McDougald erzielten gemeinsam drei Interceptions im letzten Spiel. Die Außenbahnen sind eh sein beliebter Bereich im Passspiel.

Zumal er damit die Defense genauso auseinander zieht als würde er den Ball in die tiefen Räume werfen. Und das ist nötig. Das Linebacking Corps um Bobby Wagner ist immer noch eines der gefürchtetsten der gesamten NFL. Trotzdem konnten die Broncos mit Lindsay und Freeman insgesamt 146 Rushing Yards erzielen. Und wir lehnen uns nicht weit aus dem Fenster, wenn wir behaupten, dass Howard und Cohen mindestens genauso gefährlich sind. Bleibt nur abzuwarten, wie viel Einsatzzeit Neuzugang Mychal Kendricks bereits in der Front Seven erhält.

Wer aber jetzt denkt, die Seahawks Defense ist ein leichter Gegner für unsere Offense ob der gezeigten Leistungen der letzten Woche, weit gefehlt! Auch sie benötigen den dringenden ersten Sieg und werden sich kein zweites Mal in Folge unter Wert verkaufen. Coach Nagy muss sein Spiel auf die sicherlich veränderte Defense jederzeit anpassen und seinen Matchup Waffen vertrauen. Jordan Howard erzielte 5,5 Yards pro Lauf und beinah 4 Yards nach dem ersten Kontakt gegen Green Bay. Ihn bei dieser starken Produktion nur 7 Mal in den ersten drei Quartern laufen zu lassen, ist zu wenig.

Key Matchups: Jordan Howard gegen Seahawks LB Corps und Mitch Trubisky gegen den Rookie Mitch Trubisky

Special Teams

Die dürfen in diesem Spiel nicht außer Acht gelassen werden. Michael Dickson ist Punter bei den Seahawks und wird unserem neuen Special Teams Coach Chris Tabor und sein Return Team um Tarik Cohen vor eine Herausforderung stellen. In der jüngeren Vergangenheit der NFL gab es keinen Punter, der so genau, mit so viel Effet und trotzdem so lange Punts mit einer Hang Time von über 4,5 Sekunden schießt, wie der diesjährige Fünftrundenpick von der University of Texas.

Cohen sollte vorsichtig agieren. Die Richtung der Punts ist spät auszumachen und aufgrund der Hangtime wird der Gunner ihm häufig bereits auf den Füßen stehen, wenn der Ball herunter kommt.

Fazit

Wenn die Bears es schaffen, Russell Wilson nicht genauso aussehen zu lassen, wie Aaron Rodgers in der zweiten Hälfte des vergangenen Spieltags, dann ist ein Sieg der Bears im Soldier Field Pflicht. Ein Sieg, der dem Team Aufwind geben wird. Zwar befinden sich die Seahawks derzeit nicht in der Diskussion um die Playoffs, aber in den Köpfen ist immer noch drin, was dieses Team in den letzten Jahren abgerissen hat.

Zumal es in der Halbzeitpause nach der Ansprache des neuen Mitglieds in der Pro Football Hall of Fame Brian Urlacher keinen abrupten Leistungsabfall im Heimstadion geben kann.

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".