Eine Hommage an Brian Urlacher

Quelle: Chicago Tribune

Als die Ankündigung, dass Brian Urlacher ein First Ballot Hall of Famer geworden war, verkündet wurde, war für mich klar, dass ich mich an die Arbeit machen muss. Dieser Artikel ist nun das Produkt meiner ganz persönlichen Hommage an Brian Urlacher.

Wo alles begann

Geboren in Pasco, Washington wuchs Brian Urlacher, nach der Trennung seiner Eltern, bei seiner Mutter in Lovington, New Mexico auf. Der sportbegeisterte Junge wurde auf dem Football Feld überall eingesetzt und probierte sich als Runningback, Wide Receiver, Returner und Defensive Back.

Was ihr alle sicherlich nicht wisst, mein BDG-Kollege und Co-Autor Coach D hatte 1993 die Ehre gegen ihn spielen zu dürfen. Er berichtete mir kurz von seiner Geschichte aus dem Regional All Star Game:

„Er spielte TE, FB und LB. Großer Kerl mit dünnen Beinen. Hat mich mehrfach auf den Arsch gesetzt, bis ich meinen Coach dazu überedete, mich auf Defense einzusetzen, wo ich den Typen voll weggefetzt habe!“

Auch wenn sich Coach D an diesem denkwürdigen Tag mit ihm messen konnte, wurden ihm an der High School viele Ehrungen zuteil. Brian Urlachers Rückennummer wird an der Lovington High School zu seinen Ehren nicht mehr vergeben. Danach wäre er gern an die Texas Tech University gegangen, doch machten sie ihm kein Angebot.

So blieb er in New Mexico und spielte für die Lobos. Dort setzte man den Studenten für Kriminalistik zum ersten Mal als Linebacker ein, genauer als „Lobo-Back“ in einer 3-3-5 Defense. Er spielte eine Mischung aus Linebacker und Free Safety, wurde aber immer wieder als Returner und sogar als Wide Receiver eingesetzt. Zur Vorbereitung auf den Draft 2000 spielte er im Senior Bowl und machte dort in besonderer Weise auf sich aufmerksam. Seit 2013 vergeben die New Mexico Lobos seine Rückennummer 44 nicht mehr und haben ihn in ihre schulinterne Hall of Fame aufgenommen. Seit dem 5. Oktober 2017 ist er Mitglied in der College Football Hall of Fame.

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Als Linebacker lief er beim NFL Combine bemerkenswerte 4,57 Sekunden im 40 Yard Dash und erhielt für seine Leistungen am College große Aufmerksamkeit. Allenthalben galt er als eines der Top Prospects im Draft 2000. Die Chicago Bears landeten zuvor statistisch auf Platz 29 aller Defenses und waren daher auf der Suche nach einem Playmaker für ihre schwache Abwehr. So wählten sie im Draft Brian Urlacher an neunter Stelle aus. Damit spielte der explosive Linebacker für die Bears. Der Rest ist Geschichte, die an diesem Wochenende in Canton, Ohio mit der Hall Of Fame Zeremonie, ein weiteres Kapitel in seiner großartigen Karriere schreibt.

Show Stopper und Revoluzzer

In seinem Rookie Jahr saß er zunächst auf der Bank. Des einen Pech ist des anderen Glück, sagt man. Barry Minter verletzte sich am dritten Spieltag und Brian Urlacher erhielt die Rolle des Starting Middle Linebackers, die er ab dann für 13 Jahre nicht mehr hergeben würde. In seinen ersten fünf Spielen als Starter erzielte er 46 Tackles, sechs Sacks und eine Interception. Am Ende des Jahres krönte ihn die Associated Press zum Defensive Rookie of the Year.

Als Sophomore etablierte sich Urlacher als einer der Playmaker in der NFL. Seine moderne Spielweise ist heute Vorbild für viele junge Talente. Zu Beginn seiner Karriere waren Middle Linebacker schwere wuchtige Run Stopper, doch benötigten die Defenses mit der immer höher werdenden Anzahl an Pass Plays, einen anderen Spielertypen. Man kann sagen, dass Brian Urlacher und Ray Lewis das Spiel revolutionierten und damit zu Recht beide im ersten Wahlgang in die Pro Football Hall of Fame aufgenommen werden. Ihre Art mit Geschwindigkeit und instinktivem Spiel überall am Ort des Geschehens aufzutauchen, machte sie zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Defense. Wie rückständig das Spiel zu dieser Zeit gewesen sein muss, zeigt, dass viele Draft Analysten und Coaches in Brian Urlacher zunächst einen NFL Safety und keinen Linebacker sahen. Das ist heute nicht mehr vorstellbar.

Warum dieser neue Spielertyp so wichtig war, zeigte sich spätestens nach dem 2001er Draft. Michael Vick wurde an Nummer 1 von den Atlanta Falcons gepicked und stellte seinerseits das Offense Spiel völlig auf dem Kopf. Viele Defenses konnten mit seinen schnellen Beinen nicht mithalten. Anders Brian Urlacher. Heute als sein definitives Breakout Game bezeichnet, war wohl das erste Aufeinandertreffen von ihm mit eben diesem Michael Vick eine Initialzündung für ein Umdenken in der NFL Defense.

Eigentlich war der junge Quarterback mit seiner Geschwindigkeit, seinem Antritt und seiner Beweglichkeit ein Alptraum Matchup für jeden damaligen Linebacker, ausgenommen Brian Urlacher. Er dominierte das Spiel nach seinen Belieben. Er erlaubte nur 18 Rushing Yards und stellte den First Pick überall auf dem Feld mit fünf Tackles, einem Sack und einer Fumble Recovery, die Urlacher 90 Yards in die gegnerische Endzone trug. Aber seht selbst: (Die Qualität ist leider nicht so gut, entschuldigt!)

Insgesamt trafen Vick und Urlacher in ihrer Karriere fünfmal aufeinander. In jedem dieser Duelle sah der Quarterback keine Sonne. Wahrscheinlich wacht Michael heute noch manchmal schweißgebadet in der Nacht auf und holt sich erstmal ein Glas Milch um die Bilder von Brian aus dem Kopf zu bekommen.

Jedenfalls führte Urlacher in seinem zweiten Jahr die Chicago Bears zu ihrem besten Record seit 1986 mit 13-3. Doch erst in seiner fünften Saison wurde er zum Defensive Player of the Year ernannt. Da erzielte er die meisten Turnover in der NFC. In diesem Jahr entwickelte sich Brian Urlacher endgültig zum Führungsspieler einer zu diesem Zeitpunkt relativ unerfahrenen Defense.

Das Spiel gegen die Cardinals

Jetzt kommt der Autor endlich mit seinen persönlichen Eindrücken zu Brian Urlacher ins Spiel. Seit der Saison 2005 bin ich Fan der Chicago Bears. Zugegeben habe ich in dieser Zeit noch eher sporadisch die Spiele meines Lieblingsteams verfolgt. Doch meine Liebe zum Football und zu den Chicago Bears lässt sich an der 2006er Saison festmachen. Spätestens seit dem legendären Spiel an einem Montagabend im Oktober gegen die Arizona Cardinals hat sich mein Interesse in pure Leidenschaft verwandelt. Hauptprotagonist dieses wahnsinnigen Comebacks und seitdem ständiger Begleiter vom mir ist Brian Urlacher. Er ist der Grund warum ich Football spielen wollte. Erst später änderte sich meine Vorliebe von schnellem Defense Spiel hin zur Offensive Line und meinem zweiten Idol Olin Kreutz.

Nun kommen wir also zu diesem, nicht nur für Brian Urlacher, denkwürdigsten Spiel, in der jüngeren Geschichte der Chicago Bears. Mit einem ungeschlagenen 5-0 Record im Gepäck reiste das Team Anfang Oktober in die Wüste zu den Arizona Cardinals. Wie bereits erwähnt, die Bears profitierten in dieser Zeit vor allem von ihrer dominanten und gefürchteten Defense.

Trotz dieser Abwehr lag das Team von Coach Lovie Smith zur Halbzeit mit 20-0 hinten. Die Offense war, wie so oft in dieser Zeit, einfach nicht in der Lage zu punkten. Also waren die Defense und Special Teams gefragt. Zunächst erzielte Kicker Robbie Gould in der Mitte des dritten Quarters die ersten Punkte. Kurz vor dem Ende des Viertels nahm Safety Mike Brown einen Fumble auf und trug ihn in die Endzone zum zwischenzeitlichen 10-23. Charles „Peanut“ Tillman nahm einen weiteren Ballverlust der Cardinals im letzten Quarter auf und erzielte den nächsten Touchdown für die Defense. Den Schlusspunkt setzte Devin Hester mit seinem 83 Yard Punt Return zum 24-23 Sieg über Arizona.

Ohne einzigen Punkt der Offense stahlen die Bears den sicher geglaubten Heimsieg der Cardinals und blieben unbesiegt.

Auch wenn Brian Urlacher keine eigenen Punkte beisteuern konnte, so gilt dieses Spiel als das womöglich beste seiner Karriere. Er erzielte unfassbare 19 Tackles, wehrte zwei Pässe ab und riss Edgerrin James den Ball aus den Händen, welcher dann von Tillmann in die Endzone getragen wurde. Urlacher flog an diesem Abend wie ein Greifvogel über das ganze Feld und stürzte auf die Plays der Kardinäle hinab.

Super Bowl XLI

Die besonderen Leistungen der Defense waren es in diesem Jahr, die den Bears den Einzug in den 41. Super Bowl einbrachten. Später erinnern sich die meisten von uns an die bisher großartigste Saison unseres Teams in diesem Jahrhundert. Nach einem sensationellen 39-14 Erfolg im NFC Championship Game über die New Orleans Saints im schneegetriebenen Soldier Field, den Brian Urlacher als den größten Moment seiner Karriere bezeichnet, ging es zum Saisonabschluss nach Miami gegen die Indianapolis Colts um Peyton Manning um die Saison zu krönen.

Dort konnte Brian Urlacher mit seinen Mannen ausnahmsweise die Offense des Gegners zum Ende hin nicht mehr stoppen, sodass die Bears mit 29-17 unterlagen. Die Medien waren sich am Ende der Saison einig. Wenn Chicago einen besseren Quarterback als Rex Grossman gehabt hätten, und dass wäre nicht schwierig gewesen, sie wären nicht zu schlagen gewesen. Doch so blieb die Vollendung Brian Urlachers Spielerkarriere zunächst aus.

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Seine Karriere im Überblick

Brian Urlacher ist der einzige Bears Spieler, dem nach Mike Singletary die Ehre zuteil wurde, sich Defensive Player of the Year nennen zu dürfen. Als Firstroundpick im Jahr 2000 gestartet, verbrachte er seine gesamte Karriere in Halas Hall. In dieser Zeit verbuchte er über 1.200 Tackle, 41,5 Sacks, 78 Pass Defelctions und 22 Interceptions. Er wurde Rookie des Jahres, spielte achtmal im Pro Bowl und erhielt viermal die Ernennung zum All-Pro. Zum Abschluss seiner Karriere wird er nun der 28. Spieler im Trikot der Chicago Bears sein, der in die Pro Football Hall of Fame aufgenommen wird. Bekannt für seine athletischen Einsätze im Spiel wird er bis heute von seinen Weggefährten über die Grenzen von Illinois hinaus für seine positiven Charakterzüge gelobt.

Hier ein Auszug aus der Rubrik „Mic’d up“, in der Brian Urlacher auf dem Feld verkabelt war, sodass wir seinen Worten und Anweisungen lauschen dürfen:

Dennoch gibt es Kritiker, die ihn für einen der am meisten überschätzten Profis in der NFL Geschichte halten. Unerklärlich, hat er mit seiner Spielweise einer Football Generation doch seinen Stempel aufgedrückt. Viele junge Spieler, die mittlerweile am College oder gerade am Draft teilgenommen haben, wurden von ihm inspiriert, wollten unbedingt Linebacker werden, wie ihr Vorbild. Die Aufnahme in die Hall of Fame im ersten Wahlgang ist eine weitere Bestätigung seiner Klasse.

Der Bruch mit den Bears

Doch wo Licht ist, da gibt es auch Schatten. Am Ende der Saison 2012 erfolgte ein großer Wechsel in der Bears Organisation. Head Coach Lovie Smith wurde nach der verpassten Playoffteilnahme trotz 10-6 Record nach neun Jahren entlassen. Mit seinem Abgang begann das, was wir heute als die Trestman-Ära bezeichnen. Die Bears verpflichteten mit Marc Trestman nach langer Zeit wieder einen Offense getriebenen Head Coach, der bisher nur Erfolge in der Canadian Football League vorzuweisen hatte. Alle namhaften Assistenztrainer verließen daraufhin die Chicago Bears. Mit dem Wechsel erhielt dann General Manager Phil Emery die volle Kontrolle über den Roster. Der Kader wurde komplett umgekrämpelt und es wurde verstärkt auf eine offensive Ausrichtung gesetzt. Die Folgen dieses missglückten Umbruchs sind bis heute spürbar. Nach zwei Jahren durfte Trestman das Team wieder verlassen und Ryan Pace übernahm als neuer Manager das Ruder.

Im März 2013 fiel auch Brian Urlacher diesem Umbruch zum Opfer. Man konnte sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen. Kurzum, er verließ das Team und verkündete im Mai des selben Jahres seinen Rücktritt vom aktiven Football. Ein unsäglicher Abschied für den gefeierten Star des Teams. Nach 13 Jahren gab es keine Abschiedszeremonie und kein Händeschütteln. Stattdessen diese vorbereitete Pressemitteilung von Emery Sekunden nach der Entscheidung, dass Urlacher zu den vorgeschlagenen Bedingungen nicht unterschreiben wollte:

„We were unable to reach an agreement with Brian, and both sides have decided to move forward,“ Bears general manager Phil Emery said in the team-issued statement. „Brian has been an elite player in our league for over a decade. He showed great leadership and helped develop a winning culture over his time with the Bears. We appreciate all he has given our team, on and off the field. Brian will always be welcome as a member of the Bears.“

Böses Blut floss durch den Chicago River in der nächsten Zeit. Urlacher zeigte sich sehr enttäuscht über die Organisation, hätte er doch gern seine Karriere anders bei seinen Bears beendet. In der Folge ließ er keine Gelegenheit aus, seinen Unmut in der Öffentlichkeit kund zu tun. Besonders sein ehemaliger Mitspieler Jay Cutler bekam sein Fett weg. Es sei alles geplant gewesen, sie haben ihn nie zurückgewollt, so Urlacher. Jay habe ihn nie kontaktiert nach seinem Abschied, aber das wäre zu erwarten gewesen, schließlich wäre die Beziehung nie sonderlich gut gewesen.

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Brian spielte in seiner Karriere über Verletzungen hinweg, stand sogar kurz nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter am darauffolgenden Wochenende wieder auf dem Feld und spielte ein großartiges Spiel. Er hätte sicherlich einen gelungeneren Abschied verdient gehabt. Doch war seine Art, diese Zurückweisung mit der Öffentlichkeit zu verarbeiten, eines Teamplayers, der schließlich einseitig das Angebot der Bears ablehnte und noch dazu kurz davor eine saisonbeendende Verletzung erlitt, nicht würdig. So viel darf und muss über ihn gesagt werden. Diese Kritik ist angebracht. Beide Seiten waren nicht unschuldig.

Dennoch ist es gut, dass sie sich endlich wieder die Hand reichen. Ryan Pace verkündete vor kurzem, dass es eine Ehrung für Brian Urlacher in der Halbzeitpause im Soldier Field während des ersten Heimspiels am zweiten Spieltag gegen die Seattle Seahawks geben wird. Seit seiner Ankunft in Chicago hat der neue Manager den Schulterschluss zwischen Urlacher, der Organisation und den Fans versucht. Nun kommt es endlich dazu. Und der vielgelobte Linebacker äußert sich plötzlich wieder positiv. Lobt in der Öffentlichkeit das neue Regime und vor allem Quarterback Mitch Trubisky.

Seine Rückennummer wird dann aber nicht an das Stadiondach gehängt und nie wieder vergeben. Es muss ein anderer Weg gefunden werden, ihn zu ehren. Die Chicago Bears haben in der Vergangenheit bereits 14 Rückennummern „enshrined“ und so langsam gehen dem Team für den Roster die Nummerbelegungen der aktiven Spieler aus.

Hall of Fame

An diesem Wochenende wird der natürliche Sideline-to-Sideline Linebacker Brian Urlacher in die Pro Football Hall of Fame aufgenommen. Damit erhält seine Karriere 18 Jahre nach seinem ersten Spiel als professioneller Footballer die größte Auszeichnung, die sich ein NFL Profi erträumen kann. Er wird aufgenommen in den Kreis vieler großer Spieler und wird Teil des herausragenden Linebacker Corps der Chicago Bears in der Ruhmeshalle.

Er drückte über einem Jahrzehnt der NFL seinen Stempel auf und prägte eine junge Generation, die ihm versucht nachzueifern. Brian Urlacher gehört zu meinen persönlichen Lieblingen im Bears Dress. Er brachte mir das Spiel näher und entfachte meine bis heute ungebremste Leidenschaft für das Team aus der Windy City.

Zum Abschluss lassen sich in diesem kurzen Clip noch einmal einstige Weggefährten über seine Karriere aus:

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".