SpielBEARicht: Bears vs. Vikings

Quelle: Chicago Tribune

Im Monday Night Game der Chicago Bears gegen die Minnesota Vikings im Solider Field sahen die Fans den ersten Auftritt unseres neuen Quarterbacks Mitch Trubisky und erlebten einen wahren Krimi mit unerwarteten Wendungen.

Referees

Beginnen möchte ich mit den Referees. Ich weiß, über Schiedsrichterentscheidungen jammern, zeugt nicht gerade von Stil. Die Kritik ist aber nicht allein aus Bears Perspektive formuliert. Denn wir erlebten ein wahres Armutszeugnis, dass die Schiedsrichter am Montag ablieferten. Monday Night Football, große Bühne, das ganze Land sieht zu und das Gespann um Jerome Boger blamierte sich bis auf die Knochen. Regelmäßig wurde der Ball falsch gespottet. Nach fünf Yards Strafe wanderte der Ball unter anderem von der 35 auf die 43 Yard Line. Die Play Clock lief oft bis unter 20 Sekunden, bevor der Ball an der Line of Scrimmage abgelegt wurde. Es gab sehr viele kleinliche Calls. Geschenkt, aber wenn ich Offensive Pass Interference gegen Tre McBride bestrafe, dann muss es beim identischen Griff von Michael Floyd in der zweiten Hälfte vor den Augen des selben Schiedsrichters auch gleich bewertet werden. Und Defensive Holdings gegen Spieler ahnden, weil man nicht erkennt, dass sich der Tight End im Block Modus befindet und nicht auf einer Pass Route, lässt die Zuschauer am Urteilsvermögen der Referees zweifeln. Die Leistung der Referees war nicht auf NFL Niveau in diesem Spiel. Nicht falsch verstehen. Ich sage nicht die Bears haben wegen der Schiedsrichter verloren. Sie haben generell ein gutes Spiel schlecht geführt.

Offense

QB Mitch Trubisky

Ich habe genau dass von Trubisky gesehen, was ich in der ersten Analyse vor dem Draft bereits festgestellt hatte. Trubisky hat einen unfassbar genauen Arm und versteht es auch aus der Bewegung seine Pässe sehr platziert anzubringen. Er zählt zu den schnellsten Quarterbacks in der NFL. Nur verlässt er sich nicht auf sein Run Game wenn er scambelt, sondern versucht bis zuletzt die Option, einen freien Receiver anzuwerfen, in Betracht zu ziehen. Probleme bekommt er, sobald der Gegner Druck auf ihn ausübt. Am Ende des Spiels bei Rückstand wird er ungeduldig und versucht das große Play zu erzwingen, statt eine weitere Gelegenheit abzuwarten. Seine Mechanics laufen aber schon deutlich automatisierter ab. Ich konnte lediglich eine Aktion erkennen, bei der Füße und Oberkörper nicht passend zum Spielzug gesetzt waren.

Dieser Pass wurde leider wegen Whitehairs Holding zurückgenommen. Aber solche Pässe sind es, die Bears Fans hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen. Alle Insider attestieren ihm nach dem Spiel, dass er bereit ist und eine deutliche Verbesserung gegenüber Mike Glennon darstellt. Auch Fox reiht sich ein: „Er hat was man braucht. Da habe ich keinen Zweifel!“ Kyle Long bewundert nach dem Spiel seine Ausstrahlung im Huddle. Mit seiner Aura bekomme man ein ganz anderes Gefühl für die nächste Aktion.

Wir wussten alle vorher, dass ein Rookie Quarterback nicht alles Richtig machen wird. Die Interception am Ende des Spiels war symptomatisch für Fehler, die er bereits am College gemacht hat. In diesem Fall hätte er einfach ins Seitenaus laufen und beim nächsten Play (voraussichtlich dann ca. 2nd&7) seine Chance suchen müssen. Zach Miller wurde von Harrison Smith komplett abgedeckt. Daran konnte auch sein genauer Arm nichts ändern, auf den er sich in der Szene zu sehr verlässt. Sicherlich etwas, aus dem er lernen kann. Ich sage immer gern, Fehler dar man machen, aber man darf sie nicht zweimal machen. Nach dem Spiel zeigte Trubisky sofort, dass er seinefalsche Entscheidung erkannt hat: „Ich wollte zu viel!“, sagt er in der anschließenden Pressekonferenz.

Offensive Line

Die Offensive Line konnte in diesem Spiel dem erwarteten sehr starken Pass Rush der Vikings nicht standhalten. Charles Leno kommt zu spät aus dem Stand um Griffen daran zu hindern, Trubisky den Ball für seinen ersten NFL Turnover aus der Hand zu schlagen. Der Fumble geht auf seine Kappe. Obwohl man auch anerkennen muss, wenn ein Gegner besser ist. Griffen kommt so schnell aus seinem Stand, dass er von den meisten Left Tacklen in der NFL nicht geblockt worden wäre. Whitehair und Massie fielen Montag eher durch Holding Strafen und False Starts auf. Bis auf Long und Sitton haben alle OLiner mindestens einen Fehlstart hingelegt. Viel zu viel! Die dummen Strafen hatten großen Einfluss auf das Endergebnis. Grundsätzlich hat die Line aber wenig zugelassen. Hervorzuheben ist Josh Sitton, der im gesamten Spiel keinen Sack, Hit oder gar einen Hurry der gegnerischen Defense erlaubte.

Receiver

Zunächst die positiv Aufgefallenen. Kendall Wright hat mir zu Beginn des Spiels sehr gut gefallen. Wie im Podcast prognostiziert, zählt er zu den Profiteuren vom Wechsel auf der Quarterback Position.

Leider wurde er häufig von Xavier Rhodes gecovert. Und es schien ein Schlüssel im Gameplan gewesen zu sein, nicht in die Richtung des talentierten Cornerbacks zu werfen, denn die Bears machten dies nicht ein einziges Mal. Im nächsten Spiel wird er es leichter haben.

Zach Miller übte zwar nach dem Spiel Selbstkritik: Wir müssen alle um Trubisky besser werden!“ Doch war er ebenfalls eine wichtige Anspielstation von Mitch Trubisky.

Kommen wir nun zu den negativen Erscheinungen. Ich möchte nicht abschließend urteilen, denn auch für die Receiver war es eine neue Situation und Trubisky trainiert erst seit einer Woche mit der ersten Reihe der Wide Receiver. Aber wenn diese Positionsgruppe in diesem Jahr keinen Schritt nach vorne macht, werden die Bears nicht viele Spiele gewinnen. Dion Sims und Markus Wheaton müssen sich die größte Kritik gefallen lassen. Sie zählen zu den Spitzenverdienern auf ihrer Position im Team, dennoch durften wir mit ansehen, wie beide jeweils drei Pässe droppten und nur einen Ball fangen konnten.

Defense

Der Pass Rush konnte endlich die Erwartungen erfüllen. Akiem Hicks und Leonard Floyd erzielten je zwei Sacks. Floyd schaffte, nachdem Sam Bradford den Ball viel zu lange in der eigenen Endzone in den Händen behielt, eine Safety.

Dass die Bears nach diesem Play die ersten Punkte erzielten und in Führung gingen, unterstreicht die Gesamtleistung der Defense. Auch die Secondary lies im Passing Game sehr wenig zu. Leider fehlt immer noch die erste Interception der Saison. Amos war nah dran, zeigte aber erneut, dass hier seine größte Schwäche liegt. Den langen Pass muss er in einen Turnover verwandeln. Kyle Fuller spielte zum ersten Mal durchgehend als Nummer 1 Cornerback und füllte diese Position mehr als Gelungen aus.

Verletzungen hielten die Bears aber erneut vom Erfolg ab. Willie Young ist nun auf Injury Reserve und damit bereits der fünfte langfristige Ausfall unter den Startern in der Defense. Als John Timu zu Beginn der zweiten Hälfte verletzt ausgewechselt werden musste, brach die Run Defense komplett auseinander. Timu war für die Play Calls zuständig und lernt dies erst seit einer Woche. Er spielte sehr stark und hat überdurchschnittliche Instinkte, die seine fehlende Athletik im Spiel wettmachten. Doch nach seinem Ausfall musste der bis dahin ebenfalls gute Jones die Rolle als Play Caller übernehmen. Er war sichtlich überfordert damit. Die Defense war häufig noch gar nicht aufgestellt und sobald Vikings Runningback McKinnon ins zweite Level vorschoss, war im Grunde niemand mehr da, der ihn aufhalten konnte. Bis Montag stellte die Bears Defense das letzte verbliebene Team, dass keine Läufe über 15 Yards zugelassen hat. Das hat sich seit dem Touchdownlauf von erwähntem McKinnon nun erledigt.

Hoffnung bringt die Rückkehr von Danny Trevathan nächste Woche. Vielleicht ist die Verletzung von Timu nicht so schlimm und sogar Nick Kwiatkowski könnte wieder zum Team stoßen. Das wird der Defense wieder die Stabilität geben, die wir in der ersten Halbzeit noch gesehen haben. Auf den Undrafted Rookie Isaiah Irving bin ich gespannt. Er wurde kurz vor dem Spiel in den Kader berufen. In der Rotation mit McPhee wäre es wichtig, dass er an seine starken Leistungen aus der Preseason anknüpfen kann und der Pass Rush sich weiter etabliert.

Coaches

Zunächst einmal gab es viele Strafen auf beiden Seiten des Balls. Die fehlende Disziplin der Bears war dennoch  ein weiterer Faktor für die Niederlage. Das müssen sich die Coaches ankreiden lassen. Minnesota musste zwar auch Strafen einstecken, jedoch agieren sie die gesamte Saison im Tackling, in der Umsetzung und bei Strafen viel disziplinierter als Chicago. Wir waren im ersten Quarter vier Mal in der gegnerischen Hälfte und konnten nur wegen Strafen keine Punkte aus der erarbeiteten Field Position erzielen. Bereits konvertierte 3rd Downs und der lange Touchdown Lauf Jordan Howards (Marcus Wheaton: Holding) wurden aufgrund von Undiszipliniertheiten zurückgenommen.

OC Dowell Loggains

Dowell Loggains machte es Mike Zimmer und seiner Defense viel zu einfach und seinen Spielern unnötig schwer. Er scheint noch nicht mitbekommen zu haben, dass er jetzt einen Quarterback hat, der Werfen kann. Jeder Drive in der ersten Hälfte begann mit einem Inside Zone Run. Alle wurden früh gestoppt. Bei den meisten 1st Downs sahen wir Laufspielzüge und bei 2nd und Short Situationen wurde immer gelaufen, statt einmal die Gelegenheit für ein Big Play zu suchen. Bei Play Action Pässen erzielte Trubisky ein Passer Rating von 127.4, ohne nur 30.8. Seine Schwäche ist der Umgang mit Druck. Dem kann er, wenn er in Bewegung ist, viel leichter entweichen und seine Pässe kommen dabei nicht ungenauer an. Viele NFL Coaches spielen wenig Play Action, weil ihr Quarterback damit nicht zurechtkommen würde. Trubisky braucht das sogar. Das Playcalling in der Offense war also mal wieder schlecht. Die angesagten Formations vor dem Snap waren viel zu leicht zu lesen, für die Defense der Vikings.

16 Snaps Under Center und 15mal dabei laufen. 11mal aus der Shotgun und nur einmal laufen. Das wäre sogar mir aufgefallen.

Ausgenommen die 2-point-Conversion. Das war das abgefahrenste Play, dass ich bisher von den Bears gesehen habe. Mal schauen, wie sich gegnerische Defenses darauf in Zukunft einstellen wollen. Geholfen hat den Bears nämlich die Vergangenheit von Zach Miller, der am College noch Quarterback war. Einen Toss in dieser Situation traue ich wenigen NFL Receivern zu. Interessant ist auch die Notiz, dass alle Bears Insider, die in Bourbonnais dabei waren, den Spielzug bereits kannten. Dort durften sie zusehen, wie er zum ersten Mal ausgeführt wurde. Da sie Bears Fans sind und weil sie wahrscheinlich dann nie wieder einen Presseausweis für Halas Hall erhalten würden, haben sie alle dicht gehalten.

Dem Dank von Trubisky an die Journalisten, dass sie bisher nichts zu diesem Play erzählt haben, schließe ich mich an.

HC John Fox

Sieht man sich die Anzahl der gesehenen Snaps der einzelnen Bears Spieler an muss Fox sich einige Fragen gefallen lassen.

Dion Sims erhält bei den Tight Ends die meisten Snaps. Warum nicht Zach Miller? Er ist im Passing Game deutlich gefährlicher. Aufgrund der lauflastigen Spielweise sollten sicherlich beide häufig eingesetzt werden, aber in klaren Passing Situations ist Sims keine Alternative zu Miller. Shaheen fehlt Erfahrung. Aber er war im Trainings Camp der Zimmergenosse von Trubisky und trainiert seit Wochen mit ihm gemeinsam. Außerdem gab es in den letzten Wochen genug Möglichkeiten, Shaheen mehr Spielzeit zu geben, da die Spiele eh schon gelaufen waren. Selbst Brown ist derzeit ein besserer Receiver als Sims.

Warum erhält Kendall Wright nur die drittmeisten Snaps und ist nur die Hälfte des Spiels auf dem Feld, während Wheaton drei von vier Bälle fallengelassen hat?

Hinzu kommen die Runningbacks. Tarik Cohen war in Woche 2 an 62.5% der Snaps beteiligt. In Woche 3 noch an 43.1%. Seit letzter Woche wird er nur noch bei einem Viertel der Spielzüge eingesetzt. Ich verstehe, dass Cunningham mehr Spielzeit bekommt. Er macht das auch gut. Aber Cohen hat in Woche 2 und 3 so stark als Slot Receiver agiert und lässt kaum einen Pass fallen. Er war oft frei auf seinen Pass Routen. Warum also diese geringe Einsatzzeit? Im letzten Jahr mussten wir bereits hinnehmen, wie Howard ständig an der Seitenlinie stand und trotzdem Woche für Woche wie ein Wahnsinniger produzierte.

Dann kommen kapitale Auswechselfehler und ein sehr schlechtes Clock Management hinzu. Fox agiert phasenweise unkonzentriert und nervöser als ein Rookie Head Coach. Bei 4th&2 will er dafür gehen lassen. Endlich mal ein bißchen Risiko. Dann muss er ein Timeout nehmen, weil das Team nicht bereit ist. Nach der Auszeit läuft das halbe Punt Team mit aufs Feld und die Bears erhalten eine fünf Yard Strafe für Spielverzögerung. Danach durfte das Punt Team dann auf dem Feld bleiben.

Fazit

Die Bears haben die erste Halbzeit dominiert. Schlechtes Playcalling und undisziplinierte Strafen verhinderten eine womöglich deutliche Führung zur Pause. Stattdessen gingen sie sogar mit 2-3 Rückstand in die Kabine. So etwas ist unentschuldbar. Erfahrene Coaches und Spieler verhalten sich unprofessioneller als der Rookie Quarterback in seinem allerersten Spiel. Das ist beschämend. Noch dazu wollen sie selbst nicht wahrhaben, dass  hier ein Team auf dem Feld stand, dass um die Playoffs mitspielen kann. Tricks, wie der Fake Punt Touchdown, sind zwar eine schöne Bereicherung, aber sowas hätte man eigentlich gar nicht gebraucht, um die Vikings in dieser Woche an die Wand zu spielen.

Aufwachen Bears! Trotz 1-4 Start ist bei dem Restprogramm immer noch alles drin. Das sportbegeisterte und erfahrene Publikum aus der Sport City Amerikas hat ein Gespür für Qualität und schon begriffen was das Team noch nicht weiß. Eine solche Kulisse gab es im Soldier Field in den letzten vier/fünf Jahren nicht mehr. Alle neutralen Zuschauer, vor allem diejenigen, die erst in dieser Zeit zum Football hinzugestoßen sind, erhielten einen Einblick zum Mythos Chicago Bears. Stand Trubisky auf dem Feld, konnte man wörtlich eine Stecknadel fallen hören und führte Keenum seine Männer aufs Feld, schlugen die Fans gegen alles im Stadion, dass schepperte und Krach machte. Ich bekam eine Gänsehaut und selbst ESPN Moderator Jon Gruden sagte, die Magie sei ins Soldier Field zurückgekehrt.

Jetzt muss sie nur noch auf das Team und vor allem das Coaching Staff übertragen werden.

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".