Der Bears – 49ers Deal: Wurden sie ausgenommen?

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In der ersten Nacht des Drafts kam es zu einem Trade zwischen den San Francisco 49ers und den Chicago Bears. „Die Bears wurden ausgenommen!“ hieß es danach auf allen Sportsendern in den USA und in Deutschland. Selbst gestandene Bears Fans schlugen in diese Kerbe und hielten es für wahrscheinlich, dass Ryan Pace sich von einem „Rookie“-Manager John Lynch austricksen ließ.

Doch nun ist bekannt, was wirklich in dieser Nacht geschah. Die Story erinnert an ein Drehbuch zum zweiten Teil des Films „Draft Day“ und keineswegs ist es so, wie Fans und Medien zunächst vermuteten. Ganz im Gegenteil! Der namhafte und ausgezeichnete Sportjournalist Peter King war während des Drafts im War Room der 49ers dabei und beschreibt in seiner Kolumne für Monday Morning Quarterback, was wirklich passierte:

Kurz vor dem Draft betritt John Lynch mit seinen Coaches und Strategen den War Room. Zu diesem Zeitpunkt erwarten sie, dass die Browns Myles Garrett nehmen und danach zwei Spieler auf dem Board der Niners verbleiben. Solomon Thomas und Reuben Foster. Lynch ist sich sicher, als Pace zwanzig Minuten vor dem Draft anruft: „Die Bears wollen Thomas!“  so Lynch. Bleibt ihnen also Foster. Wenn Garrett noch da wäre, wollen sie nicht mit den Bears traden.

Die Verhandlungen dafür überlässt Lynch seinem erfahrenen Chefstrategen Paraag Marathe, der souverän mit Pace und einem anderen Interessenten verhandelt (Team wird nicht erwähnt) und zwei Drittrundenpicks (2017, 2018) und einen Viertrundenpick (2017) von Pace fordert. Nach dem ersten Telefonat, dass ohne Vereinbarung endet, erkundigt sich Lynch bei Marathe.

„Mann, wen wollen die?“

„Nenn mich verrückt“, sagt Marathe, „aber ich glaube es ist Trubisky.“

„Warum haben sie sich dann Glennon geholt?“

Pace lässt auch auf Nachfragen den Niners War Room in Unwissenheit über seine Pläne zurück und teilt nur mit, dass die Niners einverstanden mit dem Trade sein werden. Hier zieht niemand irgendwen über den Tisch.

Während die Browns an der Uhr sind, geht es im War Room hin und her und Lynch wird nervös, will wieder Kontakt zu den Bears aufnehmen.

„Verlier die Bears nicht, Paraag!“ und will immer noch wissen, wen die Bears denn nun haben möchten.

Er zögert noch, wenn sie Thomas nehmen, benötigen sie nicht den dritten Pick für Foster. Er vermutet, dass dafür ein mittlerer Erstrundenpick genügt.

Letztendlich fädelt Marathe den Deal mit den Bears ein. Während er sich mittlerweile sicher ist, dass sie Trubisky nehmen, hat Lynch immer noch bedenken und glaubt an Thomas. Deshalb suchen die Niners bereits nach Trade Partnern für ihren dritten Pick, finden aber niemanden und erwarten nun diesen Pick für einen Linebacker auszugeben, der eine verwässerte Dopingprobe beim Combine abgegeben hat und aufgrund seiner Schulterverletzung wahrscheinlich in seiner ersten Saison nicht spielen wird.

Als dann die Bears an Nr. 2 Trubisky nehmen, kann Lynch es kaum fassen. An Nr. 3 nimmt er dann Thomas und hat sogar noch das Glück, dass Foster an das Ende der ersten Runde fällt.

Alle diese Informationen weisen darauf hin, dass dies kein kühner Schachzug von Lynch war. Es war tollkühnes Glück. Denn hätten die Bears, wie er erwartet hatte, Thomas genommen, hätte er Foster als nächstes nehmen müssen, da er keinen anderen Plan in der Tasche hatte.

Der ehemalige Fernseh-Experte John Lynch erlebte also den Draft keineswegs, wie ihm Medienleute dies bestätigen möchten. Er agierte nervös und von der fortwährend tickenden Uhr getrieben. Im weiteren Verlauf mussten ihm seine Kollegen sogar noch erklären, warum es gut war, Foster noch in Runde 1 geholt zu haben. Denn nun kann er die  so genannte 5-jahres-Option ziehen und den Spieler günstig für ein weiteres Jahr an die 49ers binden. Ein souveräner General Manager sieht anders aus. Es ist aber völlig normal so im ersten Draft zu agieren. Dass seine ehemaligen Arbeitskollegen ihn natürlich in ein besseres Licht rücken, ist verständlich, dabei hatte er nur Glück und einen erfahrenen Chef-Strategen an seiner Seite. Die Frage, warum Lynch getradet hat, obwohl er davon ausging, dass die Bears Thomas nehmen, kann nur er beantworten.

Dies soll nun genug sein zum angeblichen Mythos über den Draftstrategen John Lynch. Es bleibt nämlich die Frage, warum die Bears überhaupt vorgetradet haben, wenn die Niners doch nie Trubisky haben wollten. Es gab andere Interessenten für den Draftpick der Niners, was Lynch später auch zugegeben hat:

Lynch hatte im vornherein zum Draft sehr viel Kontakt zu Ryan Pace, den er aus früheren Medienzeiten gut kannte. Pace nahm ihm das Versprechen ab, dass die Bears jedes andere Angebot von Teams beim Nr. 2 Pick beantworten dürfen und so jederzeit höher bieten konnten. Lynch kam dies natürlich auch sehr gelegen, denn so stellte er sicher, dass er bei einem Trade trotzdem wieder schnell an der Reihe war. Lynch durfte auch keinem anderen Team etwas darüber erzählen, dass sie hochtraden wollten.

Ebenfalls hatte Pace sehr viele Anfragen von anderen Teams und von denen bestätigten sogar welche, dass sie Trubisky haben wollten. Warum sie ausgerechnet ihm so eine wichtige Information gaben, liegt an seinem besonderen Talent als Draftstratege, dass  in den letzten Tagen viel zu wenig gewürdigt wurde.

Pace traf sich mit Trubisky bereits im November, noch bevor der Medienrummel um den aufstrebenden Quarterback aufflammte. Kein NFL Team hat davon etwas mitbekommen. Er und Trubisky haben beide in der Vorbereitung auf den Draft nie ein Wort über das Treffen in Chapel Hill verloren. Kurz vor dem Draft machten die Bears öffentlich, dass sie gern zurücktraden würden. NFL Insider Adam Schefter unterstützte dies via Twitter noch kurz vor dem Draft. Schefter, der sonst immer alles weiß, gab später sogar zu, die Bears hätten ihn „benutzt“. Nicht dass er deshalb jetzt böse wäre, ganz im Gegenteil. Er bezeichnete die Finten von Pace im Vorfeld des Drafts als sehr gelungen.

Pace wollte also alle Teams in dem Glauben lassen, dass sie zurücktraden wollten, damit besonders ein Team sich sicher war, dass Trubisky an Nr. 2 noch zu haben war. Es gab nur ein Team, dass daran ein Interesse haben konnte, die Cleveland Browns. Die Browns wollten an Nr. 1 Garrett und dann vortraden um Trubisky zu bekommen. Sie sprachen darüber sogar mit den Bears und waren davon überzeugt, dass diese mit ihnen traden würden. Dies war die einzige Möglichkeit um beide Talente zu bekommen. Erst Trubisky, dann Garrett, hätte dafür gesorgt, dass die Niners Garrett nehmen und nicht mehr verhandeln würden.

Die Browns in dem Glauben lassen, dass die Bears an Trubisky nicht interessiert seien, war für Pace die einzige Chance ihn zu bekommen. In Zeiten von Social Media und Smartphones eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen. Doch er schaffte es, alle Teams und Medienleute auszutricksen. Erst eine Stunde vor dem Draft, als alle Beteiligten im Draft Room der Bears versammelt saßen, Türen geschlossen und Smartphones ausgeschaltet, unterrichtete er sie von seinem Plan. Selbst Coach Fox erfuhr erst in diesem Moment, dass Pace nun definitiv Trubisky holen würde.

Nochmal, kein Team hatte, bei allen interessierten Franchises an Trubisky, die Bears und General Manager Pace auf dem Zettel. Aber so war es die einzige Möglichkeit ihn zu bekommen.

Lorbeeren erhält er dafür von allerhöchster Stelle. Die ehemaligen General Manager, Super Bowl Sieger und Hall of Famer Bill Polian und Ron Wolf haben nämlich seinen Plan einige Tage später durchschaut. Polian nannte die Aktion „einen Geniestreich. (…) es war beeindruckend, was Pace getan hat. Ein großer Move, (…) dass wofür großartige General Manager bezahlt werden.“ Der Bill Polian, der Peyton Manning zu den Colts holte und Tony Dungy als Head Coach verpflichtete und die Chicago Bears im Super Bowl schlug, traf in seiner Karriere viele richtige Entscheidungen und ist auch vom Neuzugang Mitch Trubisky begeistert. Auch Ron Wolf, dreimaliger Super Bowl Sieger und verantwortlich für die Verpflichtung von Brett Favre bei den Packers drückt sich ähnlich positiv über Pace und Trubisky aus. Wer will den beiden widersprechen?

Zu guter Letzt kommen wir auf die Eingangsfrage im Titel zurück, die Bears sollen ausgenommen worden sein? Nun gut, von den Niners nachweislich schon einmal nicht. Dies bestätigen Informationen aus dem War Room und von John Lynch höchstpersönlich. Zu viele Draftpicks abgegeben? Betrachten wir einmal was andere Teams in den letzten Jahren ausgegeben haben, um an die zweiter Stelle des Drafts zu gelangen:

Also, wenn die Bears überbezahlt haben, dann müssen die Chargers, Redskins und Eagles in den letzten Jahren einen Offenbarungseid geleistet haben. Nein, das ist der Wert eines Franchise Quarterbacks. Persönlich bin ich mir sicher, hätten die Niners gewusst, dass Pace einen Quarterback wollte, wäre der Preis für den 2. Pick deutlich höher gewesen.

Wer immer noch meint, dass die Bears ausgenommen wurden, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Ich hoffe, dass auch die Sportmedien in Deutschland bald zu dieser Einsicht kommen werden. Fakt ist, Pace hat einen starken Zug mit hohem Risiko gewagt. Dies war bei diesem Team längst überfällig. Andere Teams wollten ihn auch. Die Browns haben sich verzockt, haben aber immerhin den besten (Defensiv-)Spieler im diesjährigen Draft erhalten, was mehr als ein schwacher Trost für sie sein wird. Nicht John Lynch, sondern Pace sollte der Stratege sein, der für diese Aktion gefeiert wird. Ohne die Geheimhaltung und das Geschick bei den Verhandlungen mit Medien und anderen Teams, wäre Trubisky jetzt Quarterback in Cleveland. Wenn Mitch Trubisky der neue Hoffnungsträger bei den Bears wird, ist der Pick, betrachtet man die Trades vergangener Drafts, der größte Coup von General Manager Ryan Pace. Liegen sie mit Trubisky daneben, wäre auch der einfache Erstrundenpick ohne Trade für ihn zu teuer gewesen. Pace ist überzeugt von ihm und hat alles in die Waagschale gelegt, um ihn zu bekommen. Welche Stärken Trubisky mitbringt, die Pace überzeugt haben und woran er noch weiter arbeiten muss, könnt ihr in unserer Szenenanalyse zum jungen Quarterback nachlesen, die ihr hier findet:

QB Mitchell Trubisky im Videoraum

philippgd
Bears Fan seit 2005, Beardown Germany Mitglied seit 2015. Ehemaliger O-Liner, dementsprechend mit einem Faible für diese Positionsgruppe. Heute vielmehr als Draft Nerd bekannt und ist seit 2019 Scout/Autor für das Football-Magazin "SCOUTREPORT".