Front-7: Monster oder Mistake?

Wie gut ist die Front Seven? Diese Frage werden sich die Chicago Bears nach der Hälfte der Saison stellen, lag doch das Hauptaugenmerk in der letzten Offseason auf der Verstärkung dieser Gruppe. An dieser Stelle soll eine Analyse der bisherigen Leistungen erfolgen und ein Ausblick in die Zukunft riskiert werden.

Allgemein:

Die Defense der Bears liegt statistisch gesehen im NFL-Vergleich in der oberen Hälfte. In den Bereichen Pass Defense und Run Defense etwa auf Platz 13. Das ist insgesamt eine leichte Verbesserung zum Vorjahr, allerdings steht sie deutlich ausbalancierter da. Die Laufverteidigung war in der letzten Saison deutlich schwächer. Hört sich erstmal gut an, oder? Die Bears wollen aber über ihre Defense die Spiele gewinnen. Dazu müssten die Werte aber in der Liga-Spitze liegen, was der derzeitige Record von 2-6 auch bestätigt. Es ist gut, aber nicht genug.

Die Front Seven wurde in der Free Agency verstärkt mit DE Akiem Hicks und den beiden ILB Jerrell Freeman und Danny Trevathan. Im Draft versorgten sie sich außerdem in der ersten Runde mit OLB Leonard Floyd, in der dritten Runde mit DE Jonathan Bullard und in Runde 4 mit ILB Nick Kwiatkowski. Viele neue Gesichter also, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig die letztjährigen Starter Jarvis Jenkins und Shea McClellin das Team verlassen haben. Dass sich die Front Seven erst finden musste, war zu erwarten. Daher sollen die letzten Wochen bei der Beurteilung eine größere Rolle spielen.

Nun, wie haben sie sich geschlagen und welche Spieler hatten den größten Einfluss auf das Spiel der Bears?

Veterans:

Jerrell Freeman ist der Kopf und Anführer der Defense. Mit durchschnittlich 9 Tackles pro Spiel führt er die Statistik an. Er ist immer dort zu finden, wo die Action ist. Aber wie macht er das? Freeman hat eine überragende Übersicht auf dem Feld und ahnt früh die Ballrichtung voraus. Das gilt für das Pass, wie auch für das Run Game des Gegners. Schauen wir uns gleich das erste Saisonspiel gegen die Texans an:

Freeman 1/3

Freeman beobachtet genau was Osweiler macht. Nach dem Snap erkennt er sofort anhand des Fallenlassens der O-Line, dass es sich um ein Pass Play handelt. Doch er liest noch weiter.

Freeman 2/3

Statt nun durch das entstandene Gap zu preschen, erkennt er, dass sich Guard Jeff Allen auf den Weg nach Außen macht. Ein erfahrener Linebacker realisiert sofort das Screen Play.

Freeman 3/3

Jetzt muss er nur noch zu Lamaar Miller laufen und es schlägt ein. Tackle for Loss. Minus 3 Yards. Das ist genauso viel Wert wie ein Sack. Hätte Freeman dieses Play nicht rechtzeitig gelesen, wäre Miller über die Außenbahn entwischt und mindestens für ein neues First Down gelaufen. Er ist der Defensive Player oft he Midseason bei den Bears.

Kommen wir zu Akiem Hicks. Er kam nach einer Odyssee von den New England Patriots, wo er nur die zweite Hälfte der Saison spielte. Vorher war er bereits für die New Orleans Saints auf dem Feld. Bereits im Trainings Camp ließ er erkennen, dass er die schwächelnde Defensive Line enorm verbessern würde. Nach dem Umbau auf eine 3-4 Defense fehlte den Bears noch ein wichtiger 3-technigue-End. In Akiem Hicks haben sie ihn gefunden. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten scheint er sich nun richtig wohl in Vic Fangios System zu fühlen. Im letzten Spiel gegen die Minnesota Vikings gelangen ihm 2 Sacks, 4 weitere Hurries und wichtige Run Stops. Hicks spielte wie ein Zombie. Nur dass er statt Hunger auf BRAAAAINS lieber den BAAAAALL wollte. Er benötigte teilweise unter einer Sekunde um an seinem O-Liner vorbeizukommen. Wenn er mal länger brauchte, schickte er seinen Gegenspieler auf die Reise. Bei seinem Sack kurz vor der Halbzeitpause verhinderte er so den Touchdown. Seht selbst:

Hick 1/3

Unmittelbar nach dem Snap geht der erste Arm an den gegnerischen Oberkörper. Sein Schwerpunkt ist jetzt weit vor seiner Hüfte. Sehr riskant, aber Hicks schafft es auf den Beinen zu bleiben.

Hicks 2/3

Keine Sekunde benötigt er. Da hat er Center Joe Berger, wahrlich kein Schlechter, bereits direkt vor die Nase seines Quarterbacks getrieben.

Hicks 3/3

Vorbei und Sack. Die Vikings können ihr 3rd Down nicht zum Touchdown konvertieren und Hicks sorgt auch noch für 9 Yards Raumverlust. Ein Big Play der Defense. Rückwirkend betrachtet eine der spielentscheidenden Aktionen.

Es wird erwartet, dass der Knoten bei ihm geplatzt ist und wir noch weitere derartige Plays von ihm sehen werden. Akiem Hicks scheint bei den Bears wieder zu alter Stärke zurückgefunden zu haben. Unser „Ball-Zombie“ wird in Zukunft noch einigen O-Linern Angst einjagen.

Bevor wir zu den Schwächen kommen, möchte ich noch Willie Young hervorheben. Sechs Sacks! 14 Hurries! Der leidenschaftliche Angler hatte in diesem Jahr bereits manch dicken Fisch an der Rute und spielt derzeit den besten Football seiner Karriere. Petri Heil!

Danny Trevathan konnte bisher leider nicht überzeugen. Er stellt zwar immer noch eine Verbesserung der Position im Vergleich zum Vorjahr dar, jedoch hatten sich seine Fans mehr von ihm erhofft. Als ein Impact Player des letzten Super Bowls und Champions sollte er eine ähnlich dominierende Rolle einnehmen, wie es Jerrell Freeman tut. Jedoch scheinen diese Erwartungen wohl zu hoch gegriffen. Seine Spielübersicht ist dafür nicht gut genug. Schon im letzten Jahr hatte man den Eindruck, dass er von einem starken Nebenmann profitiert, der ihm sagt, wo er hinlaufen muss. Ist er dann zur Stelle, besticht auch er durch ein starkes und fehlerfreies Tackling. Freeman muss daher, wie es Marshall bei den Broncos macht, Trevathan passend positionieren und für ihn die Spielübersicht übernehmen.

Die Bears lassen in den entscheidenden Momenten auf kurzer Distanz zu oft das nächste First Down zu. In 4th Down Conversions liegt die Bears Defense statistisch auf dem letzten Platz. Hier müssen sich alle an die eigene Nase fassen. Durch schwache Leistungen fällt aber besonders Will Sutton auf. Er sollte den verletzten Nose Tackle Eddie Goldman ersetzen, kann allerdings die Mitte nicht zumachen und muss dabei noch nicht einmal ins Double Team genommen werden. Er reißt keine Lücken für seine Linebacker auf, sodass Blitzes durch die Mitte nahezu unmöglich werden. Dabei schränkt er das Playbook von Vic Fangio ein, da er im Zentrum mehr Spieler aufbieten muss, als er möchte.  Die Rückkehr von Starter Eddie Goldman wird der Defensive Line aber den nötigen Push bringen und wird herbeigesehnt. Er kann mit seiner Qualität die gesamte Front Seven auf ein höheres Level heben. Zu seinen Fähigkeiten, die innere Offensive Line zu beschäftigen, kommt noch sein für einen Nose Tackle exzellenter Pass Rush.

Rookies

Kommen wir zur Entwicklung der gedrafteten Neuzugänge in der Front Seven. Zuallererst setze ich bei den Rookies einen anderen Maßstab an als bei den Veteranen. Ein junger Spieler muss nicht auf Anhieb ein Impact Player sein. Auch von einem First Rounder wird das nicht verlangt. Er sollte aber zumindest den Erwartungen gerecht werden.

Von Leonard Floyd habe ich gerade in der ersten Saisonhälfte nicht mehr erwartet. Es war offensichtlich, dass er das fehlende Gewicht nicht allein mit seiner Athletik ausgleichen kann. In den ersten Saisonspielen hatte er große Probleme an seinen Gegnern vorbeizukommen und war in fast allen Duellen unterlegen. Deshalb wurde er auch häufig in der Coverage eingesetzt und nicht als Pass Rusher. Das hat sich aber in den letzten zwei Spielen geändert. Er scheint immer besser mit der höheren Geschwindigkeit und Physis in der NFL zurechtzukommen. Schauen wir uns nochmal seinen Strip Sack Touchdown im Spiel gegen die Green Bay Packers an.

Nach einem Stunt, scheint Floyd bereits geschlagen zu sein, jedoch kann er sich mit seiner Schnelligkeit und seiner Größe im Rücken von Aaron Rodgers zurückkämpfen und sein bisher bedeutendstes Play in seiner noch jungen Karriere machen.

Seine Leistungskurve zeigt steil nach oben. Er ist ein aufstrebender Neuling, der in der zweiten Saisonhälfte seinen Startplatz festigen wird. Ich erwarte weitere gute Leistungen bis zum Saisonende. Mit ihm als Starter können die Bears in Zukunft planen.

Jonathan Bullard bekam in den ersten Spielen gar nicht erst die Gelegenheit, sich zu beweisen. Dafür waren die Snaps, die er gesehen hat, einfach zu wenige. Doch er erhielt in den letzten beiden Spielen mehr Einsatzzeiten. Da sein Pendant Mitch Unrein ein klassischer Verteidiger gegen den Lauf ist, erwarte ich, dass er eine immer größere Rolle spielen wird. Bullard ist vielseitiger einsetzbar. Das bevorzugt Vic Fangio. Er konnte bereits in Ansätzen zeigen, wozu er fähig ist und was für ein ekeliger Spieler er für die gegnerische Offensive Line sein kann. In diesem Jahr war von einem 3.Runden-Pick noch nicht mehr zu erwarten. Er ist aber auf einem guten Weg und wird sich ebenso wie Floyd für langfristige Aufgaben im Starting Line-Up beweisen können.

Aus Sicht der Special Teams ist Nick Kwiatkowski ein wahrer Gewinn für das Team. Dafür wurde er auch gedraftet. Er ist ein außergewöhnlich harter und schneller Tackler. Daher fällt das Fazit definitiv positiv aus.

In der Defense spielt er aber kopflos. Zwar besticht er auch hier durch seine harte Spielweise, allerdings nutzt er dabei nicht sein Gehirn. Wenn Nick eine Lücke sieht, prescht er durch. Geht der Gegner diesen Weg, macht er einen großartigen Stop. Stellt der Gegner sich darauf ein, läuft er mit einem simplen Cut komplett am Spiel vorbei. Er hat in diesen Bereichen noch viel zu lernen. Wenn er sich dort verbessert, kann er in der Rotation mit Trevathan und Freeman auch mehr Snaps im nächsten Jahr sehen. In dieser Saison ist er noch nicht so weit.

Es ist aber völlig normal, dass sich ein 4.Runden-Linebacker erst einmal über die Special Teams für die Defense beweisen muss. Da ist er bestens aufgehoben.

Fazit

Die Rookies sind bereits auf einem sehr hohen Level. Können sie weiterhin überzeugen, blicken sie in eine strahlende Zukunft. Die erfahreneren Neuzugänge haben das Spiel in der Defense deutlich verbessert und damit anderen Spielern im Team mehr Raum zur Entfaltung gegeben. Mit Rückkehrer Eddie Goldman erfährt die Defense eine weitere Steigerung.

Hustle Everytime! Die Front Seven muss immer am Gas bleiben und darf dem Gegner nie Luft zum Atmen lassen. In der NFL wird jede Unachtsamkeit sofort bestraft. Gerade bei 3rd und 4th Down Conversions dürfen die Jungs nicht nachlassen. Was nützt der Sack beim zweiten Down, wenn man beim nächsten Play trotzdem das nächste First Down kassiert.

Vic Fangio ist der richtige Mann an Bord um diese Defense weiter zu formen. Vorgestern sprach er vom Kreieren und Erzwingen von Turnovern. Musik in meinen Ohren. Die Bears Defense nimmt die Zügel endlich wieder selbst in die Hand und will in Zukunft immer dominanter das Spiel gegen den Ball forcieren.

In der nächsten Free Agency müssen die Bears nur mit Sam Acho und Cornelius Washington neu verhandeln, da deren Verträge auslaufen. Die Front Seven ist auf einem sehr guten Weg und nach längerem Umbau keine Baustelle mehr. Sie muss nur noch ergänzt werden, damit sie Ausfälle besser wegstecken kann. Damit können sie sich nun der nächsten Gruppe in der Defense widmen. Denn die Secondary benötigt unbedingt ein Upgrade zur nächsten Saison.

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